Die Idee der sogenannten 15-Minuten-Stadt stammt von Carlos Moreno. Er ist Professor an der Pariser Universität Sorbonne und formulierte diese Idee erstmals 2015, im Nachgang der Pariser Klimakonferenz.1 Das Ziel: eine Stadt, in der die Grundbedürfnisse von Leben, Arbeiten, Einzelhandel, Gesundheitspflege, Ausbildung und Unterhaltung innerhalb von 15 Minuten zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar sind. Damit erhöhe sich nicht nur die Lebensqualität der Bewohner:innen, sondern auch der Klimawandel werde bekämpft.2 Die Idee an sich ist dabei nicht neu. Sie beruht auf älteren Konzepten wie beispielsweise der 20-Minuten-Nachbarschaft.3
MV: 10- bis 98-Minuten-Stadt
Forscher:innen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung haben jetzt untersucht, welche Gemeinden in Deutschland bereits die Voraussetzungen einer 15-Minuten-Stadt erfüllen. Ergebnis: In MV sieht es besonders in den größeren Städten gut aus. Rostock, Greifswald, Stralsund, Wismar, Schwerin und Neubrandenburg sind sogar Unter-10-Minuten-Städte. Aber auch kleinere Städte und Gemeinden schaffen das von Moreno aufgestellte Ziel. So zum Beispiel Teterow, Kühlungsborn und Ueckermünde.
Zur Berechnung wurden 24 Alltagsziele definiert. Dazu gehören beispielsweise Supermärkte und Discounter, aber auch Zahnarztpraxen und öffentliche Büchereien. Die Entfernungen zu den entsprechenden Örtlichkeiten gingen dann mit unterschiedlicher Gewichtung in die Berechnung ein. Supermärkte beispielsweise wurden stärker gewichtet als Postfilialen. Arbeitsorte wurden allerdings nicht berücksichtigt, weil es dafür keine geeignete Datengrundlage gibt.4
Wenig überraschend gibt es zahlreiche Gemeinden in MV, wo die alltäglichen Bedürfnisse nicht zügig erreichbar sind. Am längsten dauert es in der Gemeinde Rögnitz im Landkreis Nordwestmecklenburg. Dort haben die Anwohner:innen eine durchschnittliche Geh- oder Radfahrdauer von rund 98 Minuten, um ihre Grundbedürfnisse zu erfüllen. Insgesamt liegen 94 Prozent der Gemeinden in MV über dem Grenzwert von 15 Minuten.
Ist die 15-Minuten-Stadt realistisch?
Doch wie schlecht ist das für MV wirklich? Das Leitbild der 15-Minuten-Stadt gibt zwar ein Ziel vor, beinhaltet aber keine Maßnahmen, um es zu erreichen. Laut den Autor:innen der Studie haben bisher nur wenige Städte in Deutschland bereits Konzepte zur Umsetzung entwickelt.5 Außerdem stellen sie fest, dass viele Städte zwar ganz grundsätzlich 15-Minuten-Städte sein können, aber nicht immer auch als solche genutzt werden. Das bedeutet, dass Bewohner:innen zwar zu Fuß zum nächsten Fitnessstudio gehen könnten, allerdings doch lieber mit dem Auto zu einem anderen, für sie passenderen, Sportangebot fahren.6 Es benötige deshalb ein ganzheitliches Maßnahmenpaket, das die Erreichbarkeit zu Fuß oder mit dem Rad in den Blick nimmt. Eine Maßnahme könnte laut Studie beispielsweise die Sanierung von Gehwegen sein.7
Den ÖPNV nicht vergessen
Besonders die ländlich geprägten Gemeinden in MV liegen weit entfernt vom Ziel der 15-Minuten-Stadt. Wissenschaftler des Dortmunder Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung kritisieren, dass das Leitbild in ländlichen Regionen vermutlich nie umsetzbar sein wird. Sie empfehlen daher, die Idee um das Konzept des 30-Minuten-Lands zu erweitern. Statt sich nur auf Radfahren und Gehen zu konzentrieren, sollten dabei die öffentlichen Verkehrsmittel mitbetrachtet werden. Ziel sei es dann, alle Orte der Grundversorgung in maximal dreißig Minuten mit dem ÖPNV, dem Rad oder zu Fuß erreichen zu können.8 Ob das für Menschen in MV vielleicht schon mancherorts Realität oder dafür die ÖPNV-Anbindung im Land zu schlecht ist, muss allerdings erst erforscht werden.
Weiterlesen: Leben im Pendeltakt
- Schwarze, Björn u.a.: Die Stadt der Viertelstunde, S. 11, auf: bbsr.bund.de (2025). ↩︎
- Ebd., S. 12. ↩︎
- Ebd., S. 13. ↩︎
- Ebd., S. 26. ↩︎
- Ebd., S. 16. ↩︎
- Ebd., S. 96. ↩︎
- Ebd., S. 100. ↩︎
- Siedentop, Stefan; Gerten, Christian: Von der „15-Minuten-Stadt“ zum „30-Minuten-Land“, auf: ils-forschung.de (2023). ↩︎

