Beim ersten Christopher Street Day (CSD) in Waren an der Müritz sind rund 300 Menschen unter dem Motto „Leevde ist bunt“ auf die Straße gegangen. Ihre Botschaft war eindeutig: Queeres Leben gehört sichtbar in die Mitte der Gesellschaft und nicht nur in Großstädte. Eine kurzfristig angemeldete Gegendemonstration wurde wieder abgesagt. Dennoch tauchten am Straßenrand einige bekannte Gesichter auf.
Warens Bürgermeister stellt sich hinter CSD
Vor dem Start des ersten CSD in Waren ziehen dunkle Wolken über der Müritzstadt auf, kurz danach beginnt es zu regnen. Doch die rund 300 Demonstrierenden sind bestens vorbereitet: Unter bunten Schirmen und mit noch bunteren Regenjacken bekleidet, lauschen sie den Worten von Warens Bürgermeister Norbert Möller (SPD), der betont, wie wichtig es ihm sei, beim CSD anwesend zu sein. „Ich unterstütze das ausdrücklich“, erklärt er. Die vielen Teilnehmer würden zeigen, dass Vielfalt kein Randthema sei, sondern Teil der demokratischen Mitte. „Ich bin Bürgermeister von jedem Geschlecht“, betont Möller.
Wer Menschen mit anderer sexueller Orientierung angreife, greife damit auch die Grundwerte an, so Möller weiter. „Die Menschenwürde ist nicht verhandelbar.“ Der CSD erinnere daran, dass Rechte hart erkämpft worden seien – und verteidigt werden müssten. Es folgt eine Rede von Doula Nadine Birner, die mehr Anerkennung für queere Familienformen fordert. „Familie braucht Anerkennung und Raum für unterschiedliche Lebenswege“, stellt sie klar. Queere Elternschaften seien keine Fußnote zur „Normfamilie“.

Anschließend macht sich der Demonstrationszug, angeführt von Schirmherrin Barbara Lochowicz, auf den Weg vom Neuen Markt entlang des Hafens auf seinen etwa zweistündigen Weg. Der Regen lässt zwischenzeitlich immer wieder nach. „Wir tanzen den einfach weg“, freut sich die Neubrandenburger Drag Queen, die den Tag moderiert.
„CSD ist keine Party, es ist Politik“
An mehreren Stationen machen Redner:innen auf die Situation queerer Menschen aufmerksam – insbesondere im ländlichen Raum. „Es ist wichtig, hier zu sein“, erklärt Sebastian, Organisator des CSD in Grevesmühlen. „Die Großstädter haben den Weg bereitet, aber wir gehen ihn weiter. Wir sagen den Landräten und Bürgermeister der Welt: Wir sind keine Bürger der zweiten Klasse!“

Besonders deutlich wird Nils vom Verein queerNB und wendet sich explizit an die anwesende Presse: „Das hier ist keine Party, das ist Politik!“ Die Existenz queerer Menschen werde immer wieder infrage gestellt und sei deshalb zwangsläufig politisch. Es brauche geschützte Räume, Beratungsstellen und Treffpunkte – gerade für Jugendliche. „Angriffe auf queere Kultur ist ein Angriff auf die Demokratie.“ Manuel, Vorsitzender von queerNB, fordert mehr Aufklärung an Schulen, eine bessere medizinische Versorgung für queere Menschen sowie die Förderung von Kultur- und Begegnungsstätten geschlechtlich-sexueller Vielfalt. „Queeres Leben darf kein Großstadtprivileg sein“, stellt er klar.
Auch MVs Bürgerbeauftragter Silvio Witt spricht zu den Teilnehmenden. „Wir demonstrieren hier nicht nur für uns selbst. Wir demonstrieren für eine Gesellschaft, in der jeder Mensch seinen Platz hat.“ Zugleich zieht er eine klare Grenze gegenüber Demokratiefeind:innen. „Wir demonstrieren nicht für Nazis“, sagt Witt. Toleranz ende dort, wo sie auf Intoleranz trifft. Zudem kündigt er eine Benefizlesung an, um den CSD in Waren finanziell zu unterstützen.
Gegendemo in Waren abgesagt
Unterwegs passiert der Demonstrationszug den Ort, an dem am Freitagmittag kurzfristig eine Gegendemonstration angemeldet wurde. Nach Angaben des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte waren für die Versammlung unter dem Thema „Stopp der Ideologisierung unserer Gesellschaft!” 50 Personen geplant.1 Nur eineinhalb Stunden nach Bestätigung der Anmeldung durch den Landkreis sei diese Gegendemonstration jedoch wieder abgesagt worden.2 So gehören die dort stehenden sieben Personen nicht offiziell zu einer Gegendemonstration, doch sind darunter bekannte Gesichter. Unter anderem Christoph Thews, langjähriger Vorsitzender der Neonazi-Partei Neue Stärke.3 Thews war bereits beim ersten CSD in Wismar als Versammlungsleiter einer rechten Gegendemo in Erscheinung getreten.4

Während die CSD-Teilnehmerinnen fröhlich weiterziehen, wird die kleine Gruppe um Thews von Polizeibeamt:innen am Rand des Umzugs entlang geleitet. Claudia Berndt, Pressesprecherin der Polizeiinspektion Neubrandenburg, sagt dazu auf Nachfrage: „Etwa zehn Leute, die der Polizei aus dem rechten Spektrum bekannt sind, liefen neben den CSD-Teilnehmern her.“ Weiter: „Sie waren keine Gegendemonstranten und konnten sich frei bewegen wie jeder andere Bürger auch.“ Alles in allem sei der CSD störungsfrei verlaufen.






Demokratiefest
Der Demozug des CSD kehrt im Anschluss zurück zum Neuen Markt. Dort beginnt zeitgleich das Demokratiefest, das bis in die Abendstunden mit Musik, Kultur und politischen Angeboten fortgesetzt wird. Organisiert wurde es vom Verein Warener Demokratiebündnis.
Während die kleine Gruppe um Thews nach der Kundgebung noch am Rand des Festes steht – weiter unter Beobachtung der Polizei –, feiern die Besucher:innen des CSD weiter. Mit Konzerten, darunter der Auftritt von Les Bummms Boys, und zahlreichen Begegnungen wird der Tag zu dem, was die Veranstalter von Anfang an erreichen wollten: einem sichtbaren Bekenntnis zu Vielfalt, Demokratie und gesellschaftlichem Zusammenhalt.
- E-Mail von Carl Henke, Pressereferent Landkreis Mecklenburgische Seenplatte vom 15.6.2026. ↩︎
- Telefonat mit Carl Henke, am 16.6.2026. ↩︎
- Schöler, Martin: Neue Neonazi-Partei auch in MV aktiv, auf: katapult-mv.de (20.7.2022). ↩︎
- Katapult-MV (Hg.): Rechtsextreme stören ersten CSD in Wismar, auf: katapult-mv.de (15.9.2024). ↩︎

