Nils Berghof beschreibt seine Stimmung als „positiv gestresst“.1 Als Sprecher des CSDs in Neubrandenburg und stellvertretender Vorsitzender des Vereins queerNB hat er aktuell viel zu tun. Seit gut 14 Tagen finden in der Stadt die CSD-Kulturwochen statt. Die Veranstaltungen, unter anderem ein Karaoke-Abend und eine spezielle CSD-Andacht in der Kirche St. Johannis, werden „super besucht“, so Berghof. Aktuell laufe es also rund, einzig das Wetter für die große Demonstration am Wochenende bereite ihm Sorgen, erzählt der Neubrandenburger.
Verbot der Regenbogenflagge durch die Stadtvertretung
Doch so entspannt ist es nicht immer in Neubrandenburg. Im Oktober letzten Jahres entschieden die Stadtvertreter:innen, dass die Regenbogenflagge am Bahnhof nicht mehr gehisst werden darf. Eine Debatte darüber gab es in der entsprechenden Sitzung nicht.2 Dabei hätte es genug Grund zur Diskussion gegeben.
In der Vergangenheit wurde die Flagge am Bahnhof mehrfach geklaut. Im Juli 2024 sogar durch eine mit einem Hakenkreuz ersetzt.3 Der Antrag, um das Symbol ganz vom Bahnhof zu verbannen, kam von Tim Großmüller (Stabile Bürger NB). Der Politiker äußerte sich in der Vergangenheit bereits rassistisch und homophob. Als Reaktion auf die Entscheidung kündigte der damalige Oberbürgermeister Silvio Witt (parteilos) seinen Rücktritt an. Großmüller, der Witt zuvor mehrfach beleidigt hatte, gab daraufhin zu, dass es sein eigentliches Ziel gewesen sei, „den Politiker (…) aus dem Amt zu bekommen“.4
Ein Bürgerrat sollte es richten
In der Folge der Geschehnisse rund um die Flagge gab es neben einer Demonstration5 eine Petition mit über 40.000 Unterschriften6 für deren Verbleib am Bahnhof. Die Stadtvertretung verabschiedete letztlich ein Bekenntnis zu Vielfalt, Toleranz, Weltoffenheit und der Regenbogenflagge als Symbol dieser Werte. Darin wurde die Verwaltung aufgefordert, einen Maßnahmenkatalog vorzulegen, der dieses Bekenntnis in der Stadtgesellschaft sichtbar macht.
Die Verwaltung gründete mit Zustimmung der Stadtvertretung 2025 einen sogenannten Bürgerrat. In diesem sollten sich zufällig ausgewählte Bürger:innen der Aufgabe des Maßnahmenkatalogs annehmen. Letzte Woche stellte dieser seine Ergebnisse vor.7 Darin wird beispielsweise vorgeschlagen, öffentliche Räume inklusiver zu gestalten – mit mehr Sitzgelegenheiten und öffentlichen Toiletten.8 Nils Berghof kritisiert die Ergebnisse: „Das ist alles sehr schön, was der Rat ausgearbeitet hat. Aber es ist nichts Neues dabei und sie haben klar die Aufgabe verfehlt.“ Ein wirklich sichtbares Bekenntnis zum queeren Leben ist im Maßnahmenkatalog nämlich nicht vorgesehen. Die Stadt äußerte sich bis Redaktionsschluss nicht zur Arbeit des Bürgerrates.
Gespaltene Stadtgesellschaft
Positiv bewertet Berghof dagegen das Engagement des neuen Oberbürgermeisters Nico Klose (parteilos). Dieser ist Schirmherr des diesjährigen CSDs. „Das ist für uns unheimlich wertvoll, wenn wir wissen, dass wir aus der höchsten Position der Verwaltung Rückenwind haben“, erklärt er.
Berghof hat das Gefühl, dass „das Flaggenthema wie fast kein anderes die Stadtgesellschaft gespalten“ habe. Zwar habe der Verein jetzt mehr Mitglieder und finanzielle Unterstützung aus ganz Deutschland bekommen, aber bei der Suche nach Sponsoren für den CSD habe es Probleme gegeben. Die Händler:innen in der Innenstadt hätten früher mehr Lust gehabt, selbst Flagge zu zeigen. Der Neubrandenburger vermutet, dass sie sich inzwischen aus Angst zurückhalten. Aus Angst, dass Kundschaft wegbricht oder aus Angst, ins „Schussfeld“ extrem rechter Stadtvertreter zu geraten.
„Prädikat: okay“
Der Sicherheitslage in Neubrandenburg gibt Berghof trotzdem das „Prädikat: okay“. Durch die Präsenz von offen rechtsextremen Jugendgruppen gebe es eine gewisse Anspannung in der queeren Community. Besonders Menschen, die durch ihr Aussehen nicht den klassischen Geschlechterrollen entsprechen, seien gefährdet. Er selbst habe aber noch keine Anfeindungen erlebt.
Die Sprecherin des Polizeipräsidiums Neubrandenburg schreibt, dass die Behörde „die Sicherheitslage mit erhöhter Aufmerksamkeit“ beobachtet. Bundesweit gebe es eine Zunahme queerfeindlicher Straftaten. Besonderen Fokus richten sie deshalb auf „mögliche (…) ideologisch motivierte Störungen sowie gezielte Übergriffe auf Teilnehmende oder eine Veranstaltungen selbst“.9 Für den CSD am Wochenende herrsche eine gewisse Vorsicht, so auch Berghof. In der Vergangenheit waren CSDs immer wieder Ziel von rechtsextremem Gegenprotest. Ein solcher sei bisher aber nicht angekündigt.
Weiterlesen:
- Nach Antrag von Rechtspopulisten: Stadtvertretung Neubrandenburg verbietet Regenbogenflagge
- Demo gegen Verbot der Regenbogenflagge in Neubrandenburg: „Über Vielfalt und Toleranz stimmt man nicht ab“
- Nach Verbot der Regenbogenflagge: Stadtvertretung spricht sich für Toleranz und Vielfalt aus
- Trauriger Jahresrückblick 2024: Queerfeindlichkeit in MV
- Telefonat mit Nils Berghof am 30.7.2025. ↩︎
- Biedermann, Lilly; Hinz, Patrick: Stadtvertretung Neubrandenburg verbietet Regenbogenflagge, auf: katapult-mv.de (10.10.2024). ↩︎
- Rust, Martje u.a.: Queerfeindlichkeit in MV, auf: katapult-mv.de (4.12.2024). ↩︎
- Debionne, Philippe: Überraschende Wende: Tim Großmüller will die Regenbogenflagge wieder hissen, auf: nordkurier.de (18.10.2024). ↩︎
- Hinz, Patrick; Rust, Martje: „Über Vielfalt und Toleranz stimmt man nicht ab“, auf: katapult-mv.de (18.10.2024). ↩︎
- Kollhoff, Martin: Petition: Für das Wiederaufhängen der Regenbogenflagge in Neubrandenburg!, auf: change.org (Stand: 31.7.2025). ↩︎
- Bastian, Bönisch: Was sich Neubrandenburgs Bürger am meisten wünschen, auf: nordkurier.de (25.7.2025). ↩︎
- fint e. V. – Gemeinsam Wandel gestalten (Hg.): Bürgerrat Neubrandenburg 2025, Sichtbarkeit von Weltoffenheit, Vielfalt und Toleranz in der Stadtgesellschaft – Empfehlungen, auf: neubrandenburg.de. ↩︎
- E-Mail von Caroline Kohl, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Neubrandenburg. ↩︎

