Zum Inhalt springen

Neubrandenburg

How to Bürgermeister mit Silvio Witt

Von

Artikel teilen

Wer möchte Neubrandenburgs neues Stadtoberhaupt werden? Aktuell hat der amtierende Oberbürgermeister Silvio Witt (43, parteilos) noch keinen Gegenkandidaten für die anstehende Wahl im Januar 2022. Im März vor sechs Jahren konnte der ehemalige Kabarettist und Inhaber einer Kommunikationsagentur bei der Stichwahl das Amt des Oberbürgermeisters für sich behaupten. Mit insgesamt 15.935 Stimmen (69,69 Prozent) setzte er sich gegen den LINKE-Politiker Torsten Koplin durch, der sich mit 6.930 Stimmen (30,31 Prozent) geschlagen geben musste. Als Witt im Dezember 2014 ins Rennen um das Amt ging, musste er sich gegen fünf weitere Konkurrenten behaupten.

Am 16. Januar 2022 ist es wieder so weit: Dann wird abgestimmt, ob Silvio Witt eine weitere Amtszeit als Oberbürgermeister ausüben darf oder nicht. Aktuell hat er noch keine Gegenkandidat:innen. In Grimmen hatten sich immerhin gleich zehn Kandidaten um das freigewordene Amt des Bürgermeisters beworben, nachdem der Amtsinhaber Benno Rüster (CDU) Anfang des Jahres gestorben war. Auch in Pasewalk (Vorpommern-Greifswald) wird das Amt des Stadtoberhaupts neu ausgerufen – doch auch dort hat die amtierende Bürgermeisterin Sandra Nachtweih (CDU) bisher keine Konkurrenz zu fürchten.

Warum eigentlich nicht? Weil das Amt an sich keinen Spaß macht? Oder weil Wahlkampf so aufwendig und teuer ist?

Wir haben uns gefragt: Wie geht Bürgermeister?

Ein paar grundlegende Kriterien sind schnell erfüllt: Wer sich berufen sieht und bewerben möchte, sollte spätestens am Tag der Wahl das 18. Lebensjahr vollendet haben und nicht älter als 60 Jahre sein, außerdem mindestens drei Monate in der Gemeinde, für die man sich als Bürgermeister bewirbt, gemeldet sein und kein Disziplinarverfahren gegen sich am Laufen haben. Bewerber sollten sich mit ihrem „gesamten Verhalten zu der freiheitlichen demokratischen Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes bekennen und für ihre Erhaltung eintreten“ und kein Mitglied einer Partei oder einer sonstigen Gruppierung sein, die mit einer der Verfassungsordnung widersprechenden Zielsetzung agiert. Und auch ansonsten sollten Bewerber in keiner Weise verfassungsfeindliche Bestrebungen unterstützt haben.

In diesem Zusammenhang sorgte die Wahlbehörde in Demmin bei der jüngsten Bürgermeisterwahl im Frühjahr für Aufsehen. Trotz seiner, von ihm geleugneten, Zugehörigkeit zu der verfassungsfeindlichen Gruppierung „Freistaat Preußen“ entschied der Wahlausschuss, Stefan Woller (43, parteilos) als Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters zuzulassen. Die Wahl konnte schließlich der Unternehmer und Thomas Witkowski CDU für sich entscheiden.

Der Vorfall zeigt jedoch, dass nicht nur die Kandidaten eine weiße Weste haben sollten, sondern auch die Wahlbehörde selbst. Auf die Frage, wie er sich den Fauxpas in Demmin erklären könne, antwortet der Neubrandenburger Wahlleiter, Lutz Burmeister: „Was die in Demmin machen, kann ich nicht beurteilen. Wir hier in Neubrandenburg arbeiten nach den vorgeschriebenen Kriterien.“

Diese sehen außerdem vor, dass Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters beziehungsweise Oberbürgermeisters „geordnete wirtschaftliche Verhältnisse“ vorweisen können. Wer sich bewirbt, sollte also schuldenfrei sein. Lutz Burmeister hat dafür eine triftige Begründung: „Damit soll vermieden werden, dass der Amtsinhaber korrupt sein könnte und seine Entscheidungen aufgrund persönlicher Befindlichkeiten trifft. Wenn er oder sie bei jemandem Schulden hat, könnte es sein, dass dieser Umstand negativ ins Amt hineinwirkt. Nur wer finanziell unabhängig dasteht, kann neutral agieren.“

Auch Bürger der EU können sich für die Wahl zum Bürgermeister bewerben, wie es etwa der Däne Claus Ruhe Madsen erfolgreich für das Amt in Rostock getan hat. Bedingung ist, dass sie im Heimatland nicht vom Wahlrecht ausgeschlossen sind. Bis 75 Tage vor der Wahl, also spätestens am 2. November um 16 Uhr, können Bewerbungen eingereicht werden. Bis zum 73. Tag bleibt Zeit, Unzulänglichkeiten in der Bewerbung zu beheben.

Im Interview erzählt Silvio Witt derweil, wie er sich als politischer Nobody seinen Weg ins Rathaus gebahnt hat und warum er so gern Oberhaupt einer – aus seiner Sicht – unterschätzten Stadt ist.

Frage: Herr Witt, wie gut wären meine Chancen gegen Sie?

Derzeit einziger Kandidat für das neubrandenburger Bürgermeisteramt. Der derzeitige Bürgermeister Silvio Witt (parteilos)

Das ist alles spekulativ. Die Situation ist eine andere als bei der Wahl 2014/2015, als ich mich für das Amt des Oberbürgermeisters bewarb. Damals hat sich der Amtsinhaber Paul Krüger aus Altersgründen nicht zur Wiederwahl aufgestellt. Das heißt, die Karten wurden also komplett neu gemischt, und ich bin als absoluter politisch Unverdächtiger angetreten gegen eingespielte Größen wie Torsten Koplin und Michael Stieber, damals Kreistagspräsident. Es waren sechs Menschen im Rennen, die so ein Amt noch nie ausgeführt haben. Es heißt ja immer, dass der Amtsinhaber einen Bonus hat, weil er präsent ist, deshalb ist die aktuelle Situation gut für mich. Wenn du jetzt gegen mich antreten willst, musst du dir meine letzten sechs Jahre angucken und herausfinden, was habe ich nicht gut gemacht, was würdest du anders oder besser machen und welche Themen würdest du auf den Tisch holen, an die ich gar nicht gedacht habe.

Wie gelingt der Übergang vom Kreativen zum Politiker, schließt sich das nicht aus?

Nein, gar nicht. Ich habe einen kleinen Gedichtband herausgebracht und eine Lesetour dazu gestartet. Die Reihe heißt „Zwei Herzen an der Leine“ und diese Phrase trifft es: Ich hatte schon immer einen sehr strukturierten Anteil in mir, deswegen habe ich auch erst Bankkaufmann gelernt und Betriebswirtschaft studiert, weil ich es auch mag, wenn Dinge gut sortiert sind und einer inneren Logik folgen. Und auf der anderen Seite habe ich einen sehr emotionalen Anteil in mir, den ich rauslassen muss. Aber ich habe rückblickend gemerkt, wie verletzlich und angreifbar man als Kreativschaffender ist – davor würde ich mich künftig eher schützen. Als Politiker vertrete ich eine übergeordnete Rolle und kann trotzdem meine Persönlichkeit durchscheinen lassen.

Wie ist es, Oberbürgermeister der Vier-Tore-Stadt zu sein?

Mir macht’s Spaß, auch wenn es echt anstrengend sein kann. Historisch gesehen hat diese Stadt ein schwieriges Erbe und das wirkt immer noch nach. Neubrandenburg ist zu DDR-Zeiten künstlich gewachsen – es wurden Stadtteile gebaut mit 10.000 Wohnungen und dann kamen die Zuzügler aus der ganzen DDR-Republik, nicht immer freiwillig, wohlgemerkt. Daher ist es nachvollziehbar, dass sich Einwohner selbst heute noch mit dem Begriff „Heimatstadt“ schwertun und dieses „Ich bin ein Neubrandenburger“-Gefühl nicht einhundertprozentig ausgeprägt ist.

Außerdem war zu DDR-Zeiten hier der Staatsapparat ansässig – und damit auch die Staatssicherheit. Diese „kalte Nachwendezeit“ Anfang der Neunziger, in der sich Täter und Opfer hier von Angesicht zu Angesicht begegnet sind, hat die Menschen zutiefst geprägt und ich habe den Eindruck, dass das noch immer in gewisser Weise das Lebensgefühl hier bestimmt.

Denn natürlich ist ein gewisser Zusammenhalt in den letzten 30 Jahren sowohl in Ostdeutschland als auch in Westdeutschland verloren gegangen. Das merkt man ja auch an den Wahlergebnissen der AfD. Man fühlt sich politisch und gesellschaftlich nicht mitgenommen und dann wählt man halt sowas. Das ist die größte Herausforderung als Oberbürgermeister und Politiker in diesem Landstrich: Wie machen wir aus einer Gesellschaft, die immer weiter auseinanderdriftet, auf kommunaler Ebene wieder eine starke oder gestärkte Stadtgesellschaft? Die Stadt hat sich ja wirtschaftlich ganz gut erholt und damit auch weiterentwickelt: Menschen, die in Broda leben, einem wohlhabenden Stadtteil, lebten früher vielleicht im Reitbahnviertel, wo heutzutage eher die Arbeiterklasse wohnt. Wie schaffen wir es, dass die, die jetzt in Broda wohnen, nicht denken, dass der Reitbahnweg nicht mehr lebenswert ist, und dass die, die im Reitbahnviertel wohnen, sich davon nicht beeindrucken lassen und denken: Sowas wie Broda kann ich mir nie leisten, aber deswegen bin ich kein anderer Mensch. Eines meiner großen Ziele ist ja Stadtidentifikation. Diese Stadt braucht viel mehr Fans, und die müssen hier leben, egal in welchem Viertel. Und dafür wünsche ich mir, dass wir mehr miteinander reden und eine vielfältigere Stadt werden.

Welche Sorgen haben Neubrandenburgs Bürger?

In den Bürgersprechstunden fragen mich die Menschen: Wieso ist da und da 30 km/h? Wieso ist der Weg dort gepflastert? Wird dieses oder jenes Stadtgebiet noch bebaut? Bis hin zu: Meine Garagenauffahrt ist unmöglich. Als Oberbürgermeister steht es mir nicht zu, zu sagen: „Interessiert mich nicht, wenden Sie sich bitte an den und den.“ Ich nehme jedes Anliegen ernst und lasse eine Antwort von unserer Bürgerbeauftragten dazu erstellen. Mein Vorhaben ist, die Kommunikation in dieser Stadt zu verbessern, und ich bin immer noch dabei, das umzusetzen. Natürlich ist das ärgerlich, wenn der Gehweg jetzt zwei Wochen länger aufgerissen ist, weil die Leitungen noch nicht verlegt sind. Aber ich versuche auch immer, das für meine Gegenüber in Relation zu setzen und ihnen klarzumachen: Da seid ihr auch selbst gefragt, ob euch das jetzt belastet oder nicht. Vielleicht hat man im Gesamtpaket trotzdem einen schönen Tag mit der Familie gehabt oder man freut sich auf seinen Urlaub und über all die kleinen schönen Dinge des Lebens. Man kann sich natürlich auch weiterhin ärgern, dass ein Gehweg noch zwei Wochen länger bearbeitet wird.

Wird man als OB oft beschimpft?

Direkt selten, aber in den sozialen Medien schon, die ersten zwei Jahre habe ich mir das immer durchgelesen und sehr zu Herzen genommen. Das mache ich nicht mehr – aber es fällt schwer. Es hilft, sich zu sagen: Der will gar nicht diskutieren, der will einfach nur Frust ablassen. Manchmal, wenn die mich tiefst beleidigt haben oder zumindest unsachlich waren, habe ich dann versucht, das Thema sachlich zu erklären und warum wir was wie gemacht haben.

Homosexuelle Anspielungen wie „Jetzt muss er erst mal mit seinen Regenbogenfahnen-Jüngern tagen“ ignoriere ich. Ich finde es so zusammenhangslos. Dann könnten sie genauso gut schreiben: „Dann muss er mit seinen Trabi-Jüngern reden“ – ich fahre nämlich auch Trabant.

Zweimal habe ich sogar Strafanzeige gestellt auf einen Drohbrief hin. Es hilft mir sehr, ganz strikt zwischen meiner Rolle als OB und als Silvio zu trennen und mein Privatleben komplett rauszuhalten.

Was sind Ihre Top fünf OB-Phrasen?

Als ich gewählt wurde, war ja die Befürchtung, dass ich dem Amt als Kabarettist gar nicht gerecht werden kann. Und natürlich, vielleicht habe ich es zum Schutzmechanismus gemacht, dass ich eben ein bisschen weniger lustig bin, um zu zeigen: Ich nehme das hier sehr ernst – nicht jeder versteht übrigens die Souveränität von Humor! Und natürlich verändert das auch meine Art, mich zu artikulieren. Also, hier ein Auszug meiner häufigsten Sätze:

  • Erst mal kann ich Ihre Emotionalität verstehen, ich würde mich auch ärgern!
  • Da ist noch kein neuer Sachstand erarbeitet.
  • Das nehme ich gern mal mit.
  • Diesbezüglich würde ich nochmal nachfragen. (verwende ich inflationär)
  • Diese Stadt ist 773 Jahre alt, da kommt es auf zwei Monate nicht an.

Was braucht man alles für die Bewerbung als OB?

Bewerbungsunterlagen sind auf der Webseite, die ausfüllen und beim örtlichen Wahlleiter abgeben, zusammen mit einem polizeilichen Führungszeugnis und einem Gesundheitszeugnis vom Amtsarzt, dass man körperlich in der Verfassung ist, dieses Amt auszuüben. Die Herzfrequenz muss schon stimmen.

Was kostet ein Wahlkampf?

Meiner hat rund 23.000 Euro gekostet und 6.000 Euro habe ich davon selbst bezahlt. Davon habe ich hauptsächlich Anzeigen bezahlt in der Tageszeitung, Flyer gedruckt, Helfer bezahlt. Ich habe ja keinen Haustürwahlkampf gemacht, die Privatsphäre anderer Menschen ist mir heilig. Bei der Stichwahl habe ich dann nochmal eine größere finanzielle Unterstützung bekommen, denn man gewinnt ja mitunter auch Unterstützer von Kandidaten, die rausgefallen sind.

Welche festen Termine hat ein OB?

50 Prozent, geschätzt, sind generell: Hauptausschuss, Stadtvertretung, Verwaltungsrat, Sitzung, Aufsichtsratssitzungen, Bürgersprechstunde, Außentermine. Kreditausschusssitzung, Fachausschüsse. Das macht per se ein bis zwei fixe Termine in der Woche, dann kommen verwaltungsinterne Termine dazu. Dienstberatung, Fachbereichsberatung, Projektberatung. Das kann man so alles schon am Jahresanfang eintragen. Dann kommen Unternehmens- und Vereinsbesuche dazu, öffentliche Auftritte, Ministerientermine, Behördentermine.

Arbeiten Sie mehr als vorher, als Sie selbständig waren?

Ja, auf jeden Fall. Das ist ein 24-Stunden-Job und selbst am Wochenende, wenn ich entspanne, fällt mir irgendwas ein. Und manchmal verbindet dein Kopf dann erst in dieser Entspannungsphase die beiden Drähte, die da ja so herumschwirren. Und dann denkst du: Warum bin ich darauf nicht gleich gekommen? Das ist schon anders anstrengend, weil das eben diese schon irgendwie permanente Anspannung hat.

Was ist das Gute am Bürgermeisteramt?

Dass es eine Kontinuität hat. Das Amt gibt es immer, auch wenn immer andere Menschen es ausüben. Deswegen darf man nicht so verbissen sein mit den Ansprüchen an sich selbst, nach dem Motto: Das muss unbedingt ich sein und nur ich kann das so gut. Irgendwann bist du es nicht mehr. Wenn du es gut gemacht hast, sagen sie alle noch höflich „Danke“ und den nächsten Tag macht das ein anderer. Und das ist auch gut so.

Was ist das Schwere am Bürgermeistersein?

Die Konstanz zu bewahren, für jeden gleichermaßen präsent zu sein und jeden mit seinem Anliegen, jeden Anlass ernst zu nehmen.

Do's and Don'ts als Bürgermeister?

Do's: Selbstfürsorge ist ganz wichtig. Sport zu treiben und sich bewusste Auszeiten zu nehmen, sonst schafft man das Pensum auf Dauer nicht. Den Terminkalender so zu strukturieren, dass auch zwischendurch Puffer bleiben.

Don't: Sich nicht gleich mit jedem verbrüdern. Und nie jemanden verletzen.

Wie hat das Politikersein Sie verändert?

Ich bin nicht mehr so vorschnell in meinem Urteil, wie ich es als Kabarettist war. Da konntest du, musstest du schnell das Plakative finden, sonst hätte es keiner verstanden. Wenn ich als Selbständiger flapsig war, habe ich vielleicht mal einen Kunden verloren oder einen Auftritt versaut. Aber als Oberbürgermeister den falschen Zungenschlag an den Tag zu legen, kann wichtige Prozesse ins Stocken bringen, die gerade richtig gut liefen, und das wirkt sich dann auf sehr viele Menschen aus. Von daher bin ich zurückhaltender geworden – und auch geduldiger, weil ich nicht mehr so viel Energie in vielleicht einen spontanen Aufreger investiere, sondern eher denke: Mmh, wie hat der oder die das vielleicht gemeint?

Mein Blick auf das Jetzt und die Welt ist ein anderer geworden, ich weiß, das klingt pathetisch. Aber du weißt besser, warum Prozesse so lange dauern, warum Entscheidungen so getroffen werden und dass das, was im Gesetz steht, eben immer noch abhängig ist von denen, die es umsetzen. Es sind immer Menschen, die den Ermessensspielraum so deuten oder so, die emotional gepolt sein können, den Menschen zugewandt, oder eher sich selbst oder ihrer Partei zugewandt. Das sind Erkenntnisse, die mich manchmal ein bisschen nüchterner werden lassen. Man weiß aber auch: Da brauchst du dich jetzt gar nicht so zu verkämpfen, das System ist eben so.

Inwiefern kann man von der Politserie „House of Cards“ lernen?

Das Erschreckende ist: House of Cards spiegelt sehr vieles wider, selbst bis herunter auf die kommunale Ebene.

Haben Sie einen loyalen Unterstützer á la Doug Stamper?

Oh, das Wort Loyalität ist ein schwieriges. Karl Dall hat mal gesagt: „Ich wurde nie von Freunden enttäuscht, ich hatte nie welche.“ Ist ein trauriges Zitat, ich weiß, aber aus meiner OB-Position heraus betrachtet zutreffend. Politik ist ja hochgradig Lobbyismus. Im positiven Sinne ist das Interessenvertretung, die dann ja wirklich auch gesellschaftliche Interessen in politische Prozesse einbringt. Im negativen Sinne ist es leider so, dass es dann nicht mehr um die Sache geht, sondern nur darum, dass das System sich erhält – dann ist es nicht mehr so sinnvoll. Von daher habe ich bei einem Thema gern viele Menschen um mich herum und fühle ich mich dann in der Entscheidung sicherer. Das kann mal meine Mutter sein, mal meine Sekretärin, mal ein Fachexperte.

Welchen Aha-Effekt hat das Politikersein auf Sie?

Was für ein gutes System wir hier in Deutschland haben und ich fände es wunderbar, wenn die Menschen das verstehen könnten. Also über den Föderalismus kann man gerne noch mal sprechen, das ist, glaube ich, ein sehr lohnenswertes Thema – welche Aufgaben sollte das Land für sich entscheiden und was sollte der Bund machen und so. Aber davon abgesehen, wäre es wichtig zu erkennen, was für ein stabiles System uns die Demokratie bietet und wie sehr es aber auch anfällig ist. Wahlen können etwas zum Guten verändern. Aber Wahlen werden häufig mit Revolutionen verwechselt. Revolution ist etwas anderes. Dann stürzt man ein System und implementiert ein neues. Bei einer Wahl hingegen gewinnt jemand und er gibt dann die Richtung für die Wahlperiode vor, aber er kann niemals die Grundfesten verändern. Das ist auch gut so, das will die Verfassung auch nicht. Und das finde ich immer schade, dass die Menschen diese „Da muss jemand auf den Tisch hauen“-Mentalität bevorzugen. Ich glaube einfach, die Stärke liegt in der Demokratie und in den Ebenen, die wir geschaffen haben.

Wie wichtig ist Ihnen diese zweite Amtszeit?

Der Potsdamer Bürgermeister hat mal gesagt: Nach zwei Amtszeiten ist alles gesagt. Und ich denke, er hat recht. Also die zweite Amtszeit würde ich schon noch gern mitnehmen, dann habe ich 14 Jahre geschafft. Wenn ich Neubrandenburg noch ein neues Schwimmbad bescheren kann, wäre es gut. Und dann sollte jemand Neues die Chance bekommen, frischen Wind reinzubringen.

Was würden Sie Ihrem Nachfolger raten?

Also mir? (lacht) Man muss diese Stadt und dieses Amt lieben, sonst wird jede Minute zur Qual. Es muss einem eine Freude sein, langfristig mitgestalten zu dürfen. Und erst mal gucken, was ist das für ein System, wo kann man modifizieren. Und sich selbst zurücknehmen zu können, damit die Menschen sich öffnen können.

Hand aufs Herz: Wer hat wirklich das Sagen im Rathaus?

Na ALLE!

Wir wollen den Nordkurier ablösen.
Holt euch ein KATAPULT-MV-Abo!

Wir wollen die Ostsee-Zeitung ablösen.
Holt euch ein KATAPULT-MV-Abo!

Schon 4313 Abonnent:innen

174,4 %

🎉 Ziel I:

19.000 Euro

Ziel II: 57.000 Euro

(11.400 Original-Abos)

Autor:innen

Neueste Artikel

Vor dem Streik

Zwei Tage vor den Wahlen ruft Fridays for Future unter dem Motto „Alle für das Klima“ zum globalen Klimastreik auf. An elf Orten in Meck-Vorp finden Demos statt. Aber wer steckt eigentlich hinter der Bewegung? Und ist es in MV schwieriger, sich zu organisieren, als anderswo? Rostock und Waren: Die größte und die (vermutlich) kleinste FFF-Ortsgruppe MVs im Porträt.

Michael Sack

Wer sind die Spitzenkandidat:innen der Parteien in Meck-Vorp? Und was wollen die eigentlich? KATAPULT-Praktikant Tilo Jung hat sie getroffen und ordentlich gegrillt. Das eineinhalbstündige Video mit Michael Sack gibt es auf Youtube ‒ wir haben es hier zusammengefasst.

Krankenhäuser zurück in öffentliche Hand?

In Meck-Vorp gibt es 37 Krankenhäuser. Einige davon werden seit Jahrzehnten von privaten Trägern betrieben. Ihnen wird oft vorgeworfen, nur zur eigenen Profitmaximierung zu arbeiten und nicht mehr für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Wäre da vielleicht ein Rückkauf durch Land und Kommunen eine Lösung?