Die Grafik zeigt eine Karte von Mecklenburg-Vorpommern. Eingezeichnet sind die Regionalgruppen der Omas gegen Rechts in Boizenburg, Schwerin, Rostock und Stralsund und die überregionale Gruppe für Vorpommern-Greifswald.
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„Omas gegen Rechts“

Einsatz für die Enkel

Die Omas gegen Rechts polarisieren. Einerseits erhalten sie Preise für Zivilcourage, andererseits unterstellte ihnen die Union im Bundestag, sie seien Teil einer „Schattenstruktur, die mit staatlichen Geldern indirekt Politik betreibt“. Obwohl sich dies als unwahr herausstellte, fragt man sich: Wer sind die Omas, über die so viel gesprochen wird? Unsere Redakteurin hat die Ortsgruppe für Greifswald und Umgebung getroffen und nachgefragt.
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Ich treffe mich mit den Omas gegen Rechts in unserer Redaktion. Acht Menschen sind gekommen. Acht Menschen mit unterschiedlichen Lebenswegen und aus den verschiedensten politischen Richtungen. Was sie eint: Gemeinsam mit vielen anderen bilden sie die Gruppe Vorpommern-Greifswald. Und obwohl auch mehrere Opas dabei sind, bleibt es beim Namen.

„Wir sind für Demokratie und für Migration im menschlichen Sinne“, erzählt Kirsten, wenn man sie fragt, wofür die Omas stehen. „Dazu gehört auch die Umwelt, unsere Lebensgrundlage. Praktisch ‚Omas for Future‘“, ergänzt sie. „Omas für die Enkel“, wirft Rosmarie ein. Ihr ist es wichtig, dass für die unterschiedlichen Geschlechter ihrer Kinder und Enkelkinder Platz ist und sie so leben können, wie es sich für sie richtig anfühlt.

Bürgerhafen übernimmt das Ruder

Gegründet hat sich die Gruppe auf Initiative des Bürgerhafens Greifswald. Dieser versteht sich als Anlaufstelle für ehrenamtliches Engagement und bietet Strukturen, um es zu unterstützen. Noch heute ist die Greifswalder Regionalgruppe dort angedockt.

Kirsten war bereits kurz nach der Gründung Mitglied im deutschlandweiten Verein und ist in Greifswald eine Zeit lang „als Einzelkämpferin aufgetreten“, erzählt sie. Was häufig vergessen wird: Die Omas sind zwar ein Verein, aber nicht alle Omas sind auch Mitglied. Auf der Website des Omas gegen Rechts Deutschland e. V. steht dazu: „Der Beitritt zum Verein ist nicht verpflichtend, sondern ist als zusätzliches Angebot an die Omas der Initiative zu verstehen.“

„Es war Januar oder Februar 2024, auf dieser ersten großen Demonstration für Demokratie auf dem Markt“, erinnert sich Kirsten, „und da habe ich mit meinem Schild gestanden.“ Wenig später wird sie von der Koordinatorin des Bürgerhafens angesprochen. Sie möchte die Gründung einer Gruppe unterstützen. Dazu werden über den Bürgerhafen gezielt Menschen gefragt, ob sie Interesse an einem Treffen haben. Später werden Anzeigen in der Zeitung Blitz geschaltet. Die Stadt unterstützt das Vorhaben und erlaubt der Gruppe, sich im Senatssaal des Rathauses zu treffen. „Ich kam im September dazu und bei jedem Treffen wurden es mehr“, erzählt Monika.

Werbung durch die CDU

Besonders großen Zulauf gab es, nachdem die Unionsfraktion Anfang 2025 im Bundestag 551 Fragen zur Finanzierung und politischen Ausrichtung von Nichtregierungsorganisationen gestellt hatte. Anlass waren deutschlandweite Proteste gegen das politische Handeln von CDU und CSU, an denen sich ebenjene Gruppen beteiligten. Allein zu den Omas gegen Rechts stellte die Fraktion 24 Fragen.1 Monika sieht die Geschehnisse positiv: „Auf einmal waren die Omas überall. Ich habe gesagt, Leute, wir können keine bessere Werbung bekommen.“ Rosmarie ist eher zwiegespalten. Natürlich sei die Gruppe bekannter geworden, aber auch die Anfeindungen hätten zugenommen. Allein würde sie mit ihrer Omas-gegen-Rechts-Weste nicht mehr durch Greifswald laufen.

Von wegen ruhige Rentnerinnen

Dass es im politischen Diskurs hart zur Sache gehen kann, wissen die Omas. Fast alle waren schon vorher politisch aktiv. Wenn man sie heute danach fragt, spürt man ihren Kampfgeist.

Simone beispielsweise war in ihrer Unizeit in der Studentenbewegung aktiv. „Ganz links außen“, sagt sie und lacht. Danach engagierte sie sich zehn Jahre lang in der SPD. Auf der anderen Seite der Mauer testete Birgit als Bibliothekarin die Grenzen der DDR-Regierung aus und engagierte sich privat in der Kirche. Marina ist nach der Wende Gewerkschafterin geworden. Monika dagegen hat ihr politisches Zuhause bei den Grünen gefunden, war Gleichstellungsbeauftragte, Politikerin im Havelland und beim Nabu. Gekämpft hat sie schon immer – erst gegen rechtsextreme Unterwanderung der Jugendarbeit, später für jeden Baum in der Stadt. Auch Anna war Politikerin bei den Grünen und hat Erfahrung mit Einschüchterungen. Bei ihrer politischen Arbeit in Vorpommern wurde sie nach Sitzungen mehrfach von Autos verfolgt. Über Rosmarie, ebenfalls ehemalige Grünenpolitikerin, sagen die anderen Omas: „Sie ist so aktiv, sie hat sogar einen Wikipedia-Eintrag.“
Bei Kirsten liegt der Aktivismus in der Familie. „Zu links für die DDR“ sei ihr Vater gewesen. Als ihre Kinder alt genug waren, um zu demonstrieren, hat sie sich mitreißen lassen: „Ich bin auch mitgekommen zu den Demonstrationen, habe zugeguckt, wie meine Söhne von der Straße getragen wurden.“

Das Foto zeigt einen Teil der Omas-gegen-Rechts-Regionalgruppe Vorpommern-Greifswald.
Marina, Anna, Eberhard, Monika, Simone, Birgit und Kirsten (v.l.) sind Teil der Regionalgruppe Vorpommern-Greifswald. Eberhard war der erste Opa der Gruppe. (Foto: Lilly Biedermann)

Keine politischen Machtspiele

Ob die verschiedenen Lebenswege und politischen Verortungen für Konflikte sorgen, möchte ich wissen. Im Gegenteil, antworten die Omas. „Wir haben alle so viel einstecken müssen und wissen, wie weh das tut“, sagt Monika. Rosmarie ergänzt: „Es gibt niemanden mehr, der sich durch diese Gruppe profilieren will für irgendeine Karriere.“ In den Zielen seien sie sich meistens einig, erklärt Birgit. Wenn doch mal Uneinigkeit herrschen sollte, dann wird das entsprechende Thema öffentlich nicht thematisiert.

Niemand von den Omas will sich noch in die erste Reihe stellen und selbst Politik machen. Vielmehr wollen sie eine Unterstützung für aktive Politiker:innen sein. So boten sie im Bundestagswahlkampf 2025 allen demokratischen Parteien an, sie mit ihrer bloßen Anwesenheit an den Wahlständen zu unterstützen. „Alle, die auch schon parteipolitisch unterwegs waren, wissen, dass man an Wahlständen manchmal sehr alleine ist“, erinnert sich Monika. Sie docken sich also an bestehende Strukturen an. Neben Infoständen können das beispielsweise Podiumsdiskussionen, Demonstrationen oder der Kirchentag sein. Marina versucht auch, Kontakt zu den Gewerkschaften herzustellen. Obwohl das eher schleppend läuft, möchte sie hartnäckig bleiben.

„Vor der eigenen Haustür haben wir genug zu tun“

Kontakt zu einer der anderen Omas-Gruppen haben sie nur punktuell. Über den Verein könnten sie sich zwar intensiv mit anderen Regionalgruppen austauschen, aber dafür hätten sie derzeit noch keine Kapazitäten.

Im Gespräch merkt man, wie wichtig allen die Gruppe ist. Sie alle haben einen Ort gesucht, an dem sie politisch aktiv sein können. Man könne sich bei den Omas gegen Rechts austauschen und vernetzen, sagen sie mir. Themen, über die sie sich sonst allein Gedanken machen würden, können sie gemeinsam angehen. Ins Handeln zu kommen, gibt Kraft, egal in welchem Alter.

  1. Deutscher Bundestag (Hg.): Drucksache 20/15035: Kleine Anfrage der Fraktion der CDU/CSU: Politische Neutralität staatlich geförderter Organisationen, auf: bundestag.de (24.2.2025). ↩︎

Autor:in

  • Porträt von Lilly Biedermann Redakteurin Katapult MV in Greifswald

    Redakteurin in Greifswald

    Geboren und aufgewachsen in Sachsen. Ist zum Studieren vom tiefen Osten in den kalten Osten nach Greifswald gezogen.

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