Hinweis: In diesem Artikel geht es auch um Depressionen und Suizid.
In Deutschland entscheidet nach wie vor der Geldbeutel der Eltern darüber, wer erstens ein Studium aufnehmen kann und zweitens es tatsächlich abschließt.1 Das Stichwort heißt soziale Aussortierung, die Lösung und das Problem zugleich: BAföG, das Bundesausbildungsförderungsgesetz.
Wie viele Studierende schlussendlich ihr Studium aufgrund von finanziellen Problemen abbrechen müssen, lässt sich nicht sagen. Weder die beiden in Mecklenburg-Vorpommern ansässigen Studierendenwerke in Greifswald und Rostock noch die Hochschulen und Universitäten im Land erheben dazu genaue Zahlen. „Oft ist ein Studienabbruch mit mehreren Problemen gleichzeitig verbunden“, sagt Anja Klütsch, Teamleiterin bei der Studienberatung der Universität Rostock.2 Hinzu kommt, dass viele Studierende aus Scham nicht über finanzielle Probleme sprechen und bei einer Exmatrikulation dementsprechend dazu auch keine Angaben machen.
Obdachlosigkeit statt Masterabschluss
Thilo Bauer* war einer von ihnen. Er studierte vor zehn Jahren in Rostock Agrarwissenschaften. Nur drei Prüfungen hätten ihm bis zum Abschluss gefehlt. Doch dann kam alles anders. „Ich bekam Bafög – den Höchstsatz. Das waren damals 497 Euro. Und ein bisschen Kindergeld gab es während des Bachelors noch obendrauf. Den Master habe ich mir dann mit Bafög und einem KfW-Studienkredit finanziert“, schildert er. Zusätzlich habe er abends regelmäßig hinter dem Tresen eines Clubs gearbeitet. Für fünf Euro die Stunde. Das war noch in der Zeit vor dem Mindestlohn. Aber auch einigen Gelegenheitsjobs sei er nachgegangen. Doch das alles reichte nicht zum Leben, die ständigen monetären Probleme führten schließlich zu Depressionen sowie einer Alkoholsucht. „Wenn du nicht weißt, wie du dir in der nächsten Woche was zu essen kaufen sollst, macht dich das fertig.“ Thilo landete nach einem Suizidversuch in der Psychiatrie. Dann brach seine Finanzierung ganz weg. Es folgten die Trennung von seiner Freundin, die Exmatrikulation und Obdachlosigkeit. Er suchte sich bei verschiedenen Anlaufstellen Hilfe – unter anderem auch bei einer Kirche, bekam nach eigenen Aussagen jedoch keine zielführende Unterstützung. „Ich dachte mir damals: Wow, krass, dafür habe ich zehn Jahre das Krippenspiel mitgemacht, dass ihr mich jetzt hier so an der Tür abweist. Das ist schon ein bisschen hart.“ Auch von seinen Eltern konnte er keinen finanziellen Beistand erwarten. So schlief er ein halbes Jahr lang immer mal wieder bei einem Freund auf der Couch. Durch einen festen Arbeitsvertrag bekam er irgendwann eine Wohnung und schloss berufsbegleitend eine Ausbildung zum IT-Systemelektroniker ab. Die Armutserfahrung präge ihn bis heute, obwohl er mittlerweile gut verdiene. Bis 2029 muss er seine Bafög- und Studienkreditschulden von über 20.000 Euro abbezahlen. Sein Rucksack ist noch immer für den Ernstfall einer drohenden Obdachlosigkeit mit einem Teller, Besteck, einer Zahnbürste sowie einer sauberen Unterhose gepackt. „Das weckt schlimme Erinnerung in mir. Das ganze Studium. Ich weiß nicht, war es ein Fehler? Vielleicht ein bisschen“, sagt Thilo.3

Bafög schrumpft zur Minderheitenförderung
Für Thilo und viele andere geht das Versprechen von „Aufstieg durch Bildung“ nicht auf. Schuld daran könnte vor allem eine unzureichende Ausbildungsfinanzierung sein. Der Politik ist das Problem zwar bewusst, denn schon die Ampelregierung verabschiedete zwei Bafög-Novellen.4 Eine ausreichende Lobby haben Studierende aber anscheinend nicht. Denn Bafög ist von einer Förderung der Massen zu einer finanziellen Unterstützung für eine Minderheit geschrumpft: In den Siebzigerjahren lag die Quote der Bafög-Empfänger:innen unter den Studierenden bei über 40 Prozent. Derzeit erreicht die Ausbildungsförderung 88,6 Prozent der Studierenden nicht.5 Dabei hat ein Staat durchaus ein Interesse daran, die Bildung seiner Bürger:innen zu fördern, um langfristig den Wohlstand des Landes zu sichern. Das Geld, das der Staat vorstreckt, bekommt er quasi doppelt zurück: zum einen in der Gewinnung von Fachkräften und zum anderen in der Rückzahlung des Darlehensanteils.
Ein Blick auf die Zahlen für MV
Momentan scheint jedoch auch in Sachen Ausbildungsfinanzierung das Mantra „Eigenverantwortung“ zu lauten. Bafög-beziehende Studierende in MV leben unterhalb der Armutsgrenze, wie eine Beispielrechnung zeigt: Laut den beiden Studierendenwerken im Land lag 2024 die durchschnittliche Förderungshöchstsumme bei rund 670 Euro.6 Hinzu kommt das Kindergeld in Höhe von 250 Euro (2024).7 Somit haben Studierenden mit Bafög plus Kindergeld rund 920 Euro zur Verfügung. Die Armutsgrenze hingegen lag im Jahr 2024 in Deutschland bei 1.378 Euro netto für eine alleinstehende Person.8 Folglich sind auch mit Bafög und Kindergeld die meisten Studierenden auf einen Nebenjob angewiesen. Eine Situation, die den erfolgreichen Abschluss eines Studiums gefährdet, weil nicht mehr die eigentlich notwendige Zeit und die mentale Kraft zur Verfügung stehen, sich voll auf sein Studium zu konzentrieren. Jegliche ungeplante Kosten – sei es ein kaputter Laptop, eine fürs Studium notwendige Exkursion oder eine Mieterhöhung – gefährden real die Fortsetzung des Studiums. Hinzu kommt, dass selbst wenn das Studium nach allen Hindernissen erfolgreich abgeschlossen wurde, die Zukunft für viele Akademiker:innen zunehmend unsicherer geworden ist. So waren zuletzt rund 45.000 Hochschulabsolvent:innen unter 30 Jahren arbeitslos. Mit Blick auf die vergangenen 15 Jahre sind das 15.000 mehr als üblicherweise.9

Das müsste sich ändern
Der Freie Zusammenschluss von Student*innenschaften und der Wohlfahrtsverband Der Paritätische mahnen deshalb schon seit vielen Jahren nachhaltige Bafög-Reformen an. Unter anderem drängen sie darauf, die Wohnkosten angemessen zu berücksichtigen. Zudem fordern sie eine automatisierte Anpassung der Bedarfssätze, Freibeträge und Sozialpauschalen.10 Auch eine Rückkehr zum Vollzuschuss sowie die Forderung nach einem elternunabhängigen Bafög für alle Studierenden stehen im Raum. Hinzu kommen noch diverse Bemühungen um eine Modernisierung der Verwaltungsprozesse rund um die Ausbildungsförderung.11
Auch aus MV gab es einen Vorstoß. Ende Januar forderte Wissenschaftsministerin Bettina Martin (SPD) die Bundesregierung zur zügigen Umsetzung einer grundlegenden Reform des Bafögs auf. Im Antrag, den MV zusammen mit Niedersachsen erfolgreich in den Bundesrat einbrachte, wurden unter anderem eine Anhebung der Wohnkostenpauschale zum Wintersemester 2026/27 von 380 auf 440 Euro sowie eine dauerhafte Anpassung des Grundbedarfs für Studierende an das Grundsicherungsniveau ab den Jahren 2027/28 und 2028/29 verlangt.12 Aktuell streitet die Bundesregierung um die im Koalitionsvertrag angekündigte Bafög-Reform.13 Für Studierende wie Thilo Bauer, die aufgrund von Armut ihr Studium abbrechen mussten, kommt die lange versprochene Reform zu spät. Rund einem Drittel der Studierenden, die derzeit mittellos sind, könnte sie aber noch helfen.14
*Name von der Redaktion geändert.
- Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft (Hg.): Chancen für Nichtakademikerkinder, auf: hochschulbildungsreport2020.de. ↩︎
- Telefonat mit Anja Klütsch am 4.3.2026. ↩︎
- Telefonat mit Thilo Bauer am 24.2.2026. ↩︎
- Studis Online (Hg.): Bündnis macht Druck für „echte BAföG-Reform“, auf: bafoeg-rechner.de (18.2.2015). ↩︎
- Müller, Ulrich: Check – Studienfinanzierung in Deutschland, auf: che.de (29.1.2026). ↩︎
- E-Mails der Studierendenwerke Greifswald und Rostock-Wismar vom 19.2. und 3.3.2026. ↩︎
- Volksbanken Raiffeisenbanken (Hg.): Kindergeld: Anspruch, Antrag und Höhe einfach erklärt, auf: vr.de (Stand 9.3.2026). ↩︎
- Malteser Hilfsdienst (Hg.): Armut in Deutschland: Ein Überblick, auf: malteser.de (Stand 9.3.2026). ↩︎
- Höfgen, Maurice: Die Arbeitslosigkeit unter Akademikern ist ein wirtschaftspolitischer Skandal, auf: surplusmagazin.de (22.2.2026). ↩︎
- Schabram, Greta; Aust, Andreas; Rock, Joachim: Armut von Studierenden in Deutschland, S. 8, auf: der-paritaetische.de (5.6.2024). ↩︎
- Freier Zusammenschluss von Student*innenschaften (Hg.): BAföG reformieren statt umbenennen!, auf: fzs.de (9.3.2026). ↩︎
- Ministerium für Wissenschaft, Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten MV (Hg.): Martin fordert umfassende BAföG-Reform vom Bund, auf: regierung-mv.de (30.1.2026). ↩︎
- Studis Online (Hg.): Koalitionszoff um BAföG-Reform, auf: bafoeg-rechner.de (11.2.2026). ↩︎
- Delonge, Susanne: Wenn das BAföG nicht zum Leben reicht, auf: tagesschau.de (19.1.2025).
↩︎

