Die Grafik enthält die folgende Schlagzeile: Finanzierungslücke bei psychosozialen Zentren gefährdet Versorgung von Geflüchteten.
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Gesundheitsversorgung von Geflüchteten

Geldkürzungen gefährden Arbeit der psychosozialen Zentren

Im kommenden Jahr wird sich die ohnehin schon lückenhafte psychosoziale Versorgung geflüchteter Menschen in MV noch weiter verschlechtern. Grund dafür sind Kürzungen der Fördermittel aus dem Bund und der EU. Gerade in die ostdeutschen Bundesländer fließt so deutlich weniger Geld als in den Vorjahren.
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Anfang November verschickten die Psychosozialen Zentren (PSZ) aus Greifswald, Neubrandenburg, Rostock sowie aus Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen einen Hilferuf. Massive Kürzungen der Bundesmittel und eine Änderung des Verteilungsschlüssels für EU-Mittel bedrohen ihre weitere Existenz. Werde diese Finanzierungslücke nicht geschlossen, bleibe die Situation für die Zentren in Ostdeutschland „prekär bis existentiell“.1

Zugang zur Regelversorgung schwer

Die PSZ sind Einrichtungen, die unter anderem psychologische und ärztliche Beratungen und Therapien für Geflüchtete anbieten.2 Sie unterstützen Menschen, die Krieg, Gewalt oder den Verlust von Angehörigen erlebt haben, und beugen so schweren psychischen Erkrankungen vor, die sich aus derlei Erfahrungen ergeben könnten. Die Betreuung durch PSZ ist notwendig, da im Bereich der medizinischen Regelversorgung „große Lücken“ bestehen, wie Sozialarbeiterin und systemische Therapeutin Ulrike Wanitschke vom PSZ Rostock berichtet. Geflüchtete und Asylsuchende kämen im medizinischen Regelsystem, also in Arztpraxen oder bei Therapeut:innen, nicht an – das sei besonders in den ostdeutschen Bundesländern zu beobachten.3

„Es ist ein ganzes System, das nicht auf die Bedarfe von Geflüchteten eingestellt ist. Oder darauf, was es braucht, um Geflüchtete adäquat zu versorgen“, beklagt Wanitschke. Einmal davon abgesehen, dass es wegen der hohen Auslastung ohnehin generell schwer sei, zum Beispiel bei Psychiater:innen einen Termin zu bekommen.

Eine besondere Hürde stellt vor allem die Sprachmittlung dar, sagt Wanitschke. „Wenn man Menschen behandeln möchte, die nicht ausreichend Deutsch sprechen, dann braucht es eben Vorkehrungen. Dazu sind nicht alle bereit.“ Hinzu kommt die Frage der Finanzierung der Sprachmittlung und des damit verbundenen organisatorischen Aufwands. Sicher würden viele Praxen Menschen behandeln, wäre eine Sprachmittlung schon organisiert, vermutet die Sozialarbeiterin. „Es gibt aber nicht immer die Unterstützung im Umfeld der Geflüchteten, die das für sich als Aufgabe sieht.“ Oder die Menschen leben allein. Dann existiere keine Unterstützung für sie.

PSZ alternativlos

Zudem gebe es in MV „sehr viel weniger Alternativen zum PSZ“. Es existiere keine große Zahl von Trägern mit psychosozialen Angeboten, weiß Wanitschke. Und mit anderen Alternativen – zum Beispiel muttersprachlichen Ärzt:innen, Psychiater:innen oder Psycholog:innen – sehe es auch schlecht aus. Solche Fachkräfte seien „eine absolute Seltenheit in Mecklenburg-Vorpommern, weil die Menschen nicht hierbleiben“. Sie fühlten sich nicht wohl und verdienten anderswo gegebenenfalls auch besser. „Die interkulturelle Öffnung steckt noch sehr in den Kinderschuhen“, und das mache sich im niedergelassenen Bereich bemerkbar. Im Gegensatz dazu arbeiten an den Kliniken in MV durchaus Ärzt:innen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Sich auf sie zu verlassen, sei aber „kein stabiles Konstrukt“.

Dass unter den genannten Voraussetzungen und Rahmenbedingungen nicht von einer stabilen Versorgung von Geflüchteten in Mecklenburg-Vorpommern gesprochen werden kann, überrascht nicht. Mehr noch: Die Verantwortlichen vor Ort warnen, dass der Bedarf jetzt schon zu groß sei, um ihn mit den bestehenden Strukturen in den PSZ zu decken. „Eigentlich könnten wir viel mehr Leute anstellen“, heißt es dazu aus Rostock. Die Zentren dort und in Greifswald haben bereits einen Aufnahmestopp verhängt. Das liege jedoch nicht nur an langen Wartelisten – in Rostock warten derzeit über 50 Menschen auf eine Behandlung. Auch die unsichere finanzielle Situation hat die Einrichtungen dazu bewogen. Und 2026 wird diese womöglich noch tiefgreifendere Folgen haben.

Die Grafik zeigt in einem Balkendiagramm die Neuaufnahmen am Psychosozialen Zentrum Rostock in den Jahren 2021 bis 2025.

EU-Mittel für MV um zwei Drittel gekürzt

So erhalten die PSZ bisher Fördermittel aus der EU – genauer aus dem Fonds für Asyl, Migration und Integration. Dieser spiele eine „Schlüsselrolle“ für die psychosoziale Versorgung in Deutschland, schreibt die Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF) in einer im Oktober erschienenen Analyse zu den Finanzierungslücken in der Versorgung. Denn mit diesem Geld könnte den Defiziten entgegengewirkt werden, die weder durch Bundes- noch Landesmittel ausgleichbar sind.4

Für die Verwaltung des nach Deutschland fließenden Geldes ist das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zuständig, welches jedoch Ende 2024 einen Antragsstopp verhängte. Dieser habe mit der „Neugestaltung der Verteilsystematik“ zu tun gehabt, erklärt die BAfF. Der Schritt sei weder angekündigt noch absehbar gewesen, kritisiert Wanitschke. „Es konnte sich also niemand darauf vorbereiten.“ Da die Projekte der PSZ bereits in den nächsten Monaten auslaufen, eine neue Ausschreibung – also auch neue Anträge – erst ab diesem Herbst möglich war und das Geld danach auch noch bewilligt werden muss, sehen sich die Zentren mit einer mehrmonatigen Finanzierungslücke konfrontiert.5 Hinzu komme, dass die neu verhandelte Verteillogik etwa für MV einen Einschnitt bei den erwarteten Zuwendungen bedeutet. Denn zukünftig sollen die Mittel in Höhe von 60 Millionen Euro nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel verteilt werden.

Bisher habe es eine bedarfsorientierte Zuteilung des Geldes gegeben, erklärt Wanitschke. Das bedeutet, dass es bei den gestellten Anträgen irrelevant war, wie viel Geld bereits in das jeweilige Bundesland geflossen ist. Nach dem Königsteiner Schlüssel werden es ab kommendem Jahr bis 2028 wohl nur noch 1,18 Millionen Euro für MV sein. Das seien mindestens zwei Drittel weniger als vorher – und „das ist eine sparsame Rechnung“, betont Wanitschke.

Bundesmittel sinken weiter

Zusätzlich zur so entstehenden Finanzierungslücke stehen den PSZ im kommenden Jahr auch noch weniger Bundesmittel zur Verfügung. Waren es in diesem Jahr etwas mehr als zwölf Millionen Euro,6 sinkt der Betrag 2026 weiter, auf nur noch 11,5 Millionen.7 Ursprünglich war noch deutlich weniger eingeplant – um 41 Prozent habe die Bundesregierung hier kürzen wollen. Schlussendlich sind es nun um die vier Prozent weniger Geld für die PSZ. Wie viel von dem jetzt geplanten Geld nach MV fließen wird, stehe aktuell nicht fest, sagt Wanitschke. „Das reicht trotzdem hinten und vorne nicht.“ Zum Vergleich: Ursprünglich hatte die BAfF für die PSZ Bundesmittel in Höhe von 27 Millionen Euro gefordert.8 Es sei gut, dass es mehr Geld gibt, sagt Wanitschke. Dennoch werde das „nicht die Lücke schließen, die sich jetzt besonders in Ostdeutschland aufgetan hat“. Und es sei nicht zu erwarten, dass zum Beispiel das Land einspringt, welches sich als Voraussetzung für die EU-Förderung bereits an den Kosten beteiligt. Das werde es auch zukünftig tun, teilt das zuständige Innenministerium auf Nachfrage mit. Das Land plane außerdem, die Unterstützung der PSZ „auf dem bisherigen Niveau aufrechtzuerhalten“. Denn eigentlich sinkt der Eigenanteil des Landes durch die Verringerung der zugewiesenen EU-Mittel ebenfalls.9

Die Grafik zeigt ein Liniendiagramm, welches die Höhe der pro Jahr für die psychosozialen Zentren zur Verfügung stehenden Bundesmittel abbildet. In 2026 werden es 11,5 Millionen Euro sein.

Eine andere Struktur, die die Kürzungen auffangen könnte, sehe sie realistisch nicht, so Wanitschke. Denkbar wäre, dass andere Bundesländer, die zukünftig mehr bekommen, bedarfsentsprechend zurückgeben, was sie wirklich nicht benötigen. „Das wäre noch eine kleine Hoffnung.“

„Das wird sich auswirken“

Ohne weitere Finanzmittel können die bisherigen Angebote nicht mehr im gewohnten Umfang angeboten werden. Wanitschke spricht für Rostock von „herben Einschnitten“. Dort werden sie zum Beispiel die Ärzt:innen, die bisher fest am PSZ angestellt sind, bestenfalls „im Honorarbereich halten können“. Der Kinder- und Jugendbereich oder die Kunsttherapie werden wohl ebenfalls „komplett in den Honorarbereich“ wandern. Aufgrund der damit verbundenen finanziellen Unsicherheit für die Fachkräfte ist fraglich, ob diese dann weiterhin zur Verfügung stehen. Für andere Einrichtungen in Ostdeutschland steht sogar im schlimmsten Fall eine Schließung im Raum.

Wenn die PSZ ihre Angebote herunterfahren oder sogar überlegen müssen, ob sie noch arbeitsfähig seien, betreffe das natürlich in erster Linie die Menschen, die sie versorgen, sagt Wanitschke. Doch nicht nur die. Es betreffe dann auch „diejenigen, die drum herum sind – Gemeinschaftsunterkünfte, die Kommunen, das soziale Netzwerk“, welches die fehlende Versorgung „auffangen muss“. Man müsse sich klar darüber sein, dass sich die Einschnitte auswirken werden. Denn die Menschen brauchen weiterhin Hilfe, und das werde sich an anderer Stelle – zum Beispiel in Notaufnahmen – bemerkbar machen. Wanitschkes Fazit: „Das ist eine Zielgruppe, die keine große Lobby hat. Gerade in diesen Zeiten.“ Trotzdem, so ihr Appell, sei Deutschland eine Gesellschaft, in der Werte wie „eine menschenwürdige Versorgung eine Rolle spielen sollten“.

  1. PSZ Brandenburg u.a. (Hg.): Psychosoziale Versorgung in der Krise: Massive Kürzungen bedrohen Zentren für Geflüchtete in Ostdeutschland (10.11.2025). ↩︎
  2. Rust, Martje: Zwei für Hunderte, auf: katapult-mv.de (24.3.2022). ↩︎
  3. Telefonat mit Ulrike Wanitschke am 21.11.2025. ↩︎
  4. BAfF (Hg.): Finanzierungslücken bei Bundes- und EU-Mitteln zur psychosozialen Versorgung Geflüchteter, S. 9, auf: baff-zentren.org (10.10.2025). ↩︎
  5. Ebd., S. 10. ↩︎
  6. Ebd., S. 6. ↩︎
  7. E-Mail von Ulrike Wanitschke vom 24.11.2025. ↩︎
  8. BAfF 2025, S. 3. ↩︎
  9. E-Mail des Ministeriums für Inneres und Bau MV vom 26.11.2025. ↩︎

Autor:in

  • Redakteurin und Betriebsrätin in Greifswald

    Geboren in Berlin, aufgewachsen in Berlin und Brandenburg. Tauschte zum Studieren freiwillig Metropole gegen Metropölchen.

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