Einzelbewerber:innen werden zwar offiziell nicht von Parteien unterstützt, sind deshalb aber nicht automatisch unpolitisch. Das zeigt auch der Fall Thomas Gütschow. In seiner Freizeit war er nämlich Schatzmeister bei der Preußischen Gesellschaft Berlin-Brandenburg.1 Auf den ersten Blick klingt dieser Name nach einem harmlosen Historienverein. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass der Verein aus rechtsextremen Akteur:innen besteht und fragwürdige politische Ansichten vertritt.
Preußentum als Mythos
Seit 1996 trat der Verein nach eigenen Angaben mit dem „hohen Anspruch an die Öffentlichkeit, mit der Wahrung und der Pflege preußisch-friderizianischen Gedankengutes und preußischer Tugenden gegen den allgemeinen Werte- und Sittenverfall in Deutschland anzutreten“.2 Der positive Bezug auf Preußen hat ideologisch eine Art Scharnierfunktion zwischen konservativen und rechtsextremen Kreisen. Die „preußischen“ Tugenden Fleiß, Toleranz, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Sparsamkeit, Ehrlichkeit, Gründlichkeit, Gerechtigkeitssinn und Pflichtbewusstsein werden glorifiziert und vermeintlich fehlenden oder falschen Werten der Moderne gegenübergestellt. Zusammen mit der Vorstellung eines starken, autoritären und somit antidemokratischen Staates dient der Mythos einer rechtsextremen Identitätspolitik. Und ist bis heute ein zentraler historischer Bezugspunkt für die extreme Rechte.3
Fragwürdige Akteur:innen
Der Verein zog damit auch fragwürdige Akteur:innen an. Dazu zählt unter anderem der Ehrenvorsitzende Volker Tschapke.4 Der Bauingenieur war nicht nur Gründer der Gesellschaft, sondern ist auch seit 2018 als sogenannter Scheinbeobachter bei Wahlen unterwegs. Mithilfe dieser Personen wollen nichtdemokratische Regime ihre Wahlen als demokratisch und legitim erscheinen lassen.
Tschapke verfolgte Wahlen in Simbabwe (2018), Russland (2020) und den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine (2023).5 In einem Interview positionierte er sich außerdem positiv zur AfD. Diese trage dazu bei, „dass es in Deutschland mal wieder zu gesitteten und ordentlichen Formen geht“.6
Krude Ansichten vertritt der ehemalige Ehrenvorsitzende auch mit Blick auf die Geopolitik. Beim Neujahrsempfang der Preußischen Gesellschaft 2015 sagte er: „Dass ich das nochmal erlebe: China, Preußen, Russland, eine neue strategische Allianz.“7 Der Verein vertritt dabei offen antiwestliche Positionen.
Ein ehemaliges Vorstandsmitglied ist zudem Erik Lehnert.8 Dieser war auch schon zur Zeit seiner Vorstandstätigkeit Geschäftsführer des neurechten Instituts für Staatspolitik.9 Auch anhand von rechtsextremen Gästen wie unter anderem Hans-Dietrich Sander10 und ebenfalls rechtsextremen Mitgliedern wie Hans-Ulrich Kopp, der am Potsdamer Geheimtreffen teilnahm,11 wird die politische Ausrichtung der Preußischen Gesellschaft Berlin-Brandenburg deutlich.
Anfrage bleibt unbeantwortet
Wir konfrontierten Gütschow bereits im Dezember 2025 per Mail mit unserer Recherche und wollten unter anderem von ihm wissen, warum er sich für das Amt des Bürgermeisters von Teterow interessiert. Des Weiteren fragten wir den Kandidaten auch, warum er Mitglied der Preußischen Gesellschaft Berlin-Brandenburg war und wie er diesen Verein und sich selbst politisch verordnen würde. Auch wollten wir wissen, wie er zu den rechtsradikalen bis rechtsextremen Umtrieben des Vereins steht. Die Fragen blieben bis zum heutigen Redaktionsschluss unbeantwortet.
Transparenzhinweis: Die Preußische Gesellschaft Berlin-Brandenburg wurde mittlerweile aufgelöst. Wir haben den Fehler am 16.1.2026 korrigiert.
- North Data (Hg.): Thomas Gütschow, Teterow, auf: northdata.de. ↩︎
- Preußische Gesellschaft Berlin-Brandenburg (Hg.): Monatsbrief März 2016, S. 5, auf: web.archive.org (März 2016). ↩︎
- Vergin, Philipp: Das Leitbild, auf: der-rechte-rand.de (März/April 2022). ↩︎
- linkedin.com/in/volker-tschapke-preussen. ↩︎
- European platform for democratic elections (Hg.): Volker Tschapke, auf: fakeobservers.org. ↩︎
- RT DE (Hg.): Volker Tschapke: „AfD ist wichtig für unsere Demokratie“, auf: vk.com (4.10.2024). ↩︎
- Ruhrbarone (Hg.): Wie ein Westfalen-Preuße mit einem Verein Vertreter autokratischer Staaten anlockt, auf: ruhrbarone.de (23.1.2025). ↩︎
- Preußische Gesellschaft Berlin-Brandenburg (Hg.): Schreiben vom Februar 2012, auf: yumpu.com. ↩︎
- Bundeszentrale für Politische Bildung (Hg.): „Es geht um Einfluss auf die Köpfe“ – Das Institut für Staatspolitik, auf: bpb.de (7.7.2016). ↩︎
- Antifaschistisches Pressearchiv und Bildungszentrum Berlin (Hg.): Rechtsextremist bei Preußischer Gesellschaft zu Gast, auf: apabiz.de (16.9.2002). ↩︎
- SWR aktuell Baden-Württemberg (Hg.): Ex-Bauunternehmer Kopp bestätigt Teilnahme an rechtem Treffen, auf: ardmediathek.de (22.4.2024). ↩︎

