Vielfalt ist gut. Und Vielfalt würde auch dem Journalismus in Deutschland gut tun. Gerade in Ostdeutschland. Hier in Mecklenburg-Vorpommern sieht die Landschaft der reichweitenstarken Lokalmedien wie folgt aus: Es gibt die Ostsee-Zeitung, den Nordkurier, das Landesprogramm des NDR und uns – KATAPULT MV. Und vielleicht schon bald die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung (OAZ). Derzeit werden dort Bewerbungsgespräche geführt, schreibt Dirk Jemlich, Managing Director der OAZ, auf Anfrage. Ab Mai soll dann die OAZ-Redaktion in MV ihre Arbeit aufnehmen.1 Bis dahin berichten Journalist:innen von ihren Tischen in Berlin über Geschehnisse hierzulande. Ob das noch Lokaljournalismus ist? Ich würde sagen: Nein.
Das steckt hinter dem neuen Medium
Hinter dem neuen Medium steht der Berliner Verleger Holger Friedrich, der gemeinsam mit seiner Ehefrau Silke 2019 die Berliner Zeitung aufkaufte.2 Nach dem Verkauf hat sich die Berliner Zeitung Stück für Stück von einem linksliberalen zu einer anscheinend rechtsoffenen Publikation entwickelt. So druckte die Zeitung erst Anfang März auf mehreren Seiten ein Interview mit Götz Kubitschek, dem bekannten rechtsextremen Verleger und Vordenker der Neuen Rechten, ab.3 In der OAZ erschien zudem ein weichgespültes Porträt über den Bundesvorsitzenden der rechtsextremen AfD Tino Chrupalla.4
Der neue Chefredakteur von OAZ und Berliner Zeitung ist Philipp Debionne. Dieser hat zwar selbst keine ostdeutsche Biographie, war aber immerhin ein Jahr lang Chefredakteur von Nordkurier und Schweriner Volkszeitung. Mit Debionnes Arbeit in MV dürfte seine Kenntnis des Landes die aller anderen Journalist:innen bei der OAZ, die momentan über MV schreiben, übersteigen.
Nähe zu Querdenker:innen, Hang zum Rassismus
Bereits die Taz-Journalistin Anne Fromm wies 2021 auf die inhaltliche Nähe des Nordkuriers zur Querdenken-Szene hin.5 Nebenbei bemerkt: Gabriel Cords, der jetzige Nordkurier-Chefredakteur, war sich auch nicht zu schade dafür, mit einem Rechtsextremisten wie dem AfD-Politiker Nikolaus Kramer zu posieren. Zusammen mit anderen feierten sie vorgestern die Neueröffnung eines Nordkurier-Büros in Schwerin.6 Das ist auch nicht wenig verwunderlich. Denn in einer sogenannten Brandmauer gegen die rechtsextreme AfD sieht Cords ein „undemokratisches Mittel“.7 An dieser Stelle möchte ich auf das Toleranz-Paradoxon von Karl Popper verweisen. Es besagt einfach erklärt, dass uneingeschränkte Toleranz zur Selbstzerstörung der Toleranz führt.
Und über die Art, wie der Nordkurier Journalismus auf dem Rücken von marginalisierten Gruppen macht, wollen wir gar nicht anfangen zu sprechen. Dazu hatte KATAPULT-Gründer Benjamin Fredrich bereits 2020 geschrieben.8 Zudem zeigte eine Medienanalyse, dass beim Nordkurier in 88 Prozent der analysierten Beiträge eine klare Einordnung der AfD fehlt und sie wie eine gewöhnliche demokratische Partei dargestellt wird.
Debionne kennt keine (ethisch-moralischen) Grenzen
Auch Debionne selbst hält keine Armlänge Abstand zu problematischen Personen. So war er bereits zweimal Gast im Videopodcast von Bastian Barucker, einem Waldpädagogen, der während der Corona-Pandemie sein Wissen über das Virus aus dem Nichts gezaubert hat. Seitdem verdient er einen Teil seines Lebensunterhalts mit der schwurbeligen Auseinandersetzung rund um die RKI9-Protokolle. Sein vermeintliches Wissen trug er gemeinsam mit bekannten Personen wie Wolfgang Kubicki (FDP-Politiker), Juli Zeh (Schriftstellerin) oder Debionne in dem Buch Vereinnahmte Wissenschaft – Die Corona-Protokolle des Robert-Koch-Instituts zusammen.10 Barucker zeigt sich in seinem Podcast auch gerne rechtsoffen. Oder zumindest scheut er sich nicht davor, Personen wie Hans-Georg Maaßen, den ehemaligen Präsidenten des Bundesverfassungsschutzes und rechten Radikalinski, einzuladen.11
Eine Gemeinsamkeit mit Debionne, der auch gerne beim Onlineradio Kontrafunk zu Gast ist.12 Laut der Rechercheplattform Endstation Rechts werden dort zwar altbekannte Ideen verbreitet, doch eine „neue Hoffnung“ der Neuen Rechten stelle Kontrafunk trotzdem dar. Bereits wenige Stunden nach der ersten Veröffentlichung des Mediums lobte der Thüringer Nazi und AfD-Politiker Björn Höcke das Format als „journalistisch hochwertige Alternative zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk“.13 Auch dort sprach Debionne über die RKI-Protokolle. Offenbar gefällt er sich dabei, seine Meinung als Fachwissen zu verkaufen. Dass er damit auf Kritik stößt, stört ihn offenbar nicht. „Er ist überzeugt, dass die persönliche Beliebtheitsskala für einen Journalisten keine Rolle spielen darf, wenn er seinen Job gut und verantwortungsbewusst machen will“, heißt es schließlich in seiner Kurzbiografie bei der Berliner Zeitung.14
OAZ ist kein Gewinn für den Journalismus in Ostdeutschland
Der Journalist Matthias Meisner schrieb in der Taz zuletzt, dass unter anderem Debionne einen „gewichtigen Anteil“ daran habe, dass sich Holger Friedrichs Zeitungen nach rechtsaußen öffnen.15 In einer Analyse für den Blog Volksverpetzer zeigt Meisner zudem auf, wie ähnlich sich die OAZ und das rechtspopulistische Medium Nius sind.16 Der Artdirector der Jüdischen Allgemeinen Marco Limberg geht zudem in einem Artikel darauf ein, dass schon die Gestaltung der OAZ darauf abzielen könnte, Personen rechts der demokratischen Mitte anzusprechen.17 Der Medienexperte Volker Lilienthal führt an, dass eine „starke, differenzierende und plausibel argumentierende Stimme aus dem Osten dem gesamtdeutschen Diskurs guttäte“. Bei der OAZ hingegen würde es aus seiner Sicht an Differenzierung fehlen.18
Ich bleibe dabei: Die OAZ wird kein Gewinn für den Journalismus in Ostdeutschland sein. Zumindest nicht für den demokratischen. Das Medium wird nur ein weiteres Projekt viel zu reicher Personen sein, die ihr Geld in den Aufbau eigener Medienunternehmen investieren, um unter dem Deckmantel einer vermeintlichen „konservativen Alternative“ zu den „links-grünen Mainstreammedien“, den gesellschaftlichen Diskurs weiter nach rechtsaußen zu öffnen.
- E-Mail von Dirk Jemlich vom 18.3.2026. ↩︎
- Berliner Zeitung (Hg.): Neue Eigentümer der Berliner Zeitung: Holger und Silke Friedrich über den Neustart des Berliner Verlags, auf: berliner-zeitung.de (1.11.2019).
↩︎ - Schulz, Sophie-Marie; Eichhorn, Moritz: Götz Kubitschek im Interview: „Man muss das Grundgesetz wieder geradebiegen“, auf: berliner-zeitung.de (1.3.2026). ↩︎
- Dergay, Alexander: Tino Chrupalla – der Mann hinter den Zuschreibungen, auf: ostdeutscheallgemeine.com (18.2.2026). ↩︎
- Fromm, Anne: Der Gute, der Böse, das Drama, auf: taz.de (8.5.2021). ↩︎
- @afdfraktion_mv: Beitrag vom 17.3.2026, auf: instagram.com. ↩︎
- Kords, Gabriel: Im Kampf gegen die AfD dürfen wir nicht die Demokratie opfern, auf: nordkurier.de (11.1.2026). ↩︎
- Fredrich, Benjamin: Regionalzeitung hat Rassismus für sich entdeckt, auf: katapult-magazin.de (10.8.2020). ↩︎
- Robert-Koch-Institut. ↩︎
- Masselverlag (Hg.): Vereinnahmte Wissenschaft, auf: masselverlag.de. ↩︎
- Barucker, Bastian: Corona, Verfassungsschutz und Demokratie – im Gespräch mit Dr. Hans-Georg Maaßen, auf: youtube.com (15.2.2026). ↩︎
- Kontrafunk (Hg.): Philippe Debionne, auf: kontrafunk.radio. ↩︎
- Maegerle, Anton; Stutz, Hans: „Kontrafunk“: Neues Online-Radio verbreitet Altbekanntes, auf: endstation-rechts.de (18.7.2022). ↩︎
- Berliner Zeitung (Hg.): Philippe Debionne, auf: berliner-zeitung.de. ↩︎
- Meisner, Matthias: Chefredakteur sucht das Weite, auf: taz.de (13.3.2026). ↩︎
- Meisner, Matthias: NIUS & OAZ: Gleiche Autoren, gleiche Interviewpartner, gleiche Propaganda?, auf: volksverpetzer.de (6.3.2026). ↩︎
- Limberg, Marco: Was Layout verraten kann, auf: juedische-allgemeine.de (25.2.2026). ↩︎
- Lilienthal, Volker: Und das soll eine neue Stimme des Ostens sein?, auf: t-online.de (21.2.2026). ↩︎

