In Wismar scheint die Sonne, als sich am Samstag am Bahnhof 15 Neonazis unter einer schwarz-weiß-roten Fahne versammeln. Sie wollen die Einigkeit der rechtsextremen Szene demonstrieren. Die Teilnehmer:innen rund um den Bochumer Robert B. fordern laut Veranstaltungsankündigung zudem den Austritt Deutschlands aus der Europäischen Union. An einer Bushaltestelle in der Nähe tummeln sich ungefähr zehn Jugendliche und Kinder. Anscheinend wollen sie auch zur Kundgebung, sind aber vermutlich zu jung und müssen daher abseits stehen. Noch bevor die Demonstration durch die Wismarer Altstadt ziehen kann, lösen die Rechtsextremen sie jedoch selbst auf. Es sind letztlich zu wenige Menschen gekommen.
Die Auflösung lässt die Leute auf der anderen Seite des Bahnhofs jubeln. Dort hatte sich ein Gegenprotest formiert. Laut Polizeiangaben sind 75 Personen zusammengekommen, um dagegenzuhalten. Gegen den Rechtsruck, aber auch gegen eine zunehmende Radikalisierung von Jugendlichen.

Jugendliche Reibereien
In Wismar deutet am Samstag nichts auf eine zunehmende Radikalisierung hin. Ein Jahr zuvor demonstrierten am Bahnhof 240 Rechtsextreme gegen den CSD in der Hansestadt. Im März dieses Jahres versammelten sich 70 größtenteils minderjährige Rechtsextreme am selben Ort. Sie brüllten gewaltverherrlichende Parolen und zogen durch die Innenstadt. Und nun wollen 15 Personen daran anknüpfen – und scheitern.

Obwohl die Präsenz auf Demonstrationen abgenommen hat, seien die rechtsextremen Jugendlichen nicht verschwunden, erzählen Teilnehmer:innen der Gegendemonstration. Sie seien immer noch da, hängen selbstbewusst auf Parkplätzen ab und zeigen Hitlergrüße. Auch Oliver Kreuzfeld, Chefredakteur der Rechercheplattform Endstation Rechts, kann keine Entwarnung geben: „Ich denke, dass sich diese rechtsextreme Jugendkultur ein Stück weit etablieren wird.“ Während 2024 und Anfang dieses Jahres noch größere Aktionen stattfanden, gab es inzwischen die ersten internen Reibereien. Bedeutende Strukturen wie die Division Schwerin haben sich aufgelöst. Das hänge mit der Dynamik von Jugendgruppen zusammen, beobachtet Kreuzfeld: „Alleine aufgrund des Alters und dieser nicht gefestigten Ideologie glaube ich, dass das normal ist.“ Auch polizeiliche Sanktionen hätten die Radikalisierung zu einem gewissen Maß stoppen können.
Blick in andere Bundesländer
Um eine Idee davon zu bekommen, wie sich die rechtsextreme Szene zukünftig entwickeln könnte, lohnt ein Blick in andere Bundesländer. In Sachsen und Thüringen versuchten ältere Neonazikader der Heimat (früher NPD), die dort aktiven Jugendgruppen an ihre Parteistruktur zu binden, erklärt Kreuzfeld. In MV könne er das momentan aber noch nicht beobachten. Und das, obwohl die NPD hier jahrelang „die dominierende Kraft“ gewesen sei. „Aber in den letzten zehn Jahren hat die Partei deutlich an Relevanz verloren“, so der Journalist.
Stattdessen tritt die rechtsextreme Kleinstpartei III. Weg inzwischen aktiver auf. Mit Kampfsport- und Outdoortrainings versucht sie, junge Menschen anzuziehen. Dagegen gilt der sogenannte Aryan Circle, dessen Mitglieder Anfang des Jahres noch Jugendliche aus sozialen Notlagen rekrutieren wollten, inzwischen als zerstritten. Laut Kreuzfeld sei es aber nur eine Frage der Zeit, bis sich das aktuelle „Machtvakuum“ erneut fülle.
Wie es um die Verbindungen zwischen Alt- und Jungnazis steht, könnte sich am 13. September zeigen. Junge wie etablierte Rechtsextreme haben angekündigt, an diesem Tag den CSD in Grevesmühlen stören zu wollen. Dazu aufgerufen hatte auch der bundesweit bekannte Jameler Neonazi Sven Krüger.1 Ein Beitrag von ihm im Juli auf Facebook reichte, um die Organisator:innen als Feinde zu markieren. Darin fragte er, ob jemand „die Anmelder von dieser CSD-Demo im September in Grevesmühlen“ kenne.2 Die Organisator:innen berichteten infolge des Beitrags von massiven Bedrohungen.3
- @abrisskrueger: Beitrag vom 8.8.2025, auf: facebook.com. ↩︎
- @abrisskrueger: Beitrag vom 11.7.2025, 5:52 Uhr, auf: facebook.com. ↩︎
- E-Mail von Sebastian Hüller und Rachel Hanf vom 7.8.2025. ↩︎

