In Lassan (Vorpommern-Greifswald) werden am Samstag wieder Hüpfburg und Clown Einzug halten. Denn anlässlich des Weltkindertages veranstalten „engagierte Privatpersonen“ zum zweiten Mal das Lassaner Parkfest. Es solle „ein unpolitisches Gemeinschaftsprojekt“ sein, heißt es auf der Veranstaltungsseite.
Vor zwei Jahren fand in der Lassaner Parkanlage schon einmal ein solches Fest statt. Damals sorgte nicht nur der frühere NPD-Politiker Christian Hilse als Mitorganisator für Schlagzeilen. Auch die am Abend zum Konzert aufspielende Band Biertrinkaz, die der rechtsextremen Szene zugerechnet werden kann und 250 Rechtsextreme anlockte, rüttelte ordentlich an der Fassade der Veranstaltung. Das könne er „nicht gutheißen“, äußerte sich Bürgermeister Fred Gransow (CDU) im Nachgang.1
Wie konnte etwas Derartiges passieren und wieso waren hinterher – trotz Hilse und der Biertrinkaz – eigentlich alle überrascht? Diese Fragen erlauben sich dieses Jahr nicht mehr. Denn dieses Jahr kommt es mit Ansage.
Warum wieder Christian Hilse?
In Lassan will man nicht in die rechte Ecke gestellt werden. Lassan sei keine rechte Stadt. So oder so ähnlich klingen die Aussagen, die rund um die diesjährige Ausgabe des Parkfests in den Medien zu lesen sind.2 Wie kommt es dann, dass bei der Veranstaltung erneut der Rechtsextremist Christian Hilse in die Organisation eingebunden ist? Schließlich reichen die Hinweise auf seinen rechtsextremen Hintergrund über seine politische Karriere für die NPD (heute Die Heimat) in der Lassaner Stadtvertretung und im Kreistag hinaus.
Um nur einige Details zu nennen: Hilses Name befindet sich zwischen 2018 und 2021 mehrfach unter den Bestellenden eines rechtsextremen Onlineshops aus Schweden. Zudem besuchte er noch im Frühjahr 2023 ein Rechtsrockkonzert in Neumünster (Schleswig-Holstein), welches von der Polizei aufgelöst wurde.3 Zwar ließ Hilse über seinen Anwalt ausrichten, er habe dem Rechtsextremismus offiziell abgeschworen,4 doch erscheint das – auch vor dem Hintergrund des Musikprogramms in diesem Jahr – durchaus fragwürdig.
Die Frage, welchen Umgang sich die Stadt mit dem Fest überlegt hat – sie bewirbt auf ihrer Seite lediglich das Kinderfest, nicht aber das Konzert5 – und ob die Vorstellung eines von einem Rechtsextremen mitorganisierten Kinderfestes nicht kritikwürdig sei, verbittet sich der Bürgermeister gegenüber KATAPULT MV. Damit stelle man „alle Organisatoren in die Ecke der Rechtsextremen“. „Demokraten müssen auch Veranstaltungen aushalten, die wehtun – solange keine Straftaten begangen werden“, äußerte Gransow gegenüber der Ostsee-Zeitung.6 Die Frage, ob ein solches Aushalten nicht trotzdem eine klare Positionierung gegen Rechtsextremismus zulasse, lassen Gransow und das Amt Am Peenestrom unbeantwortet.7 Ob für ihn oder die Stadt in diesem Kontext infrage kam, ohne Hilses Beteiligung selbst eine Veranstaltung zu organisieren oder Initiativen und Ehrenamtliche dazu anzusprechen, möchte Gransow nicht mehr beantworten. In Rücksprache mit dem Bürgermeister werde nicht weiter darauf eingegangen, sagt eine Pressesprecherin des Amtes am Telefon.8
Dabei hätte es dafür vielleicht Interessent:innen gegeben. Die Kreispräventionstage 2024 – dabei handelt es sich um ein Angebot des Landkreises zur Vorbeugung und Verhinderung von Kriminalität – fanden nicht zufällig in Lassan statt.9 Vielmehr habe sich der Kreis im Nachgang des Parkfests 2023 bewusst für die Stadt am Peenestrom als Veranstaltungsort entschieden, um der Gemeinde Unterstützung zu bieten. Auch in diesem Jahr sei man vor Ort aktiv gewesen und habe zudem weitere Maßnahmen über die Landeszentrale für politische Bildung geplant, so Sprecher Florian Stahlkopf.10
„Nach den Präventionstagen im letzten Jahr ist es schade, dass die Stadt nicht überlegt hat, wie man anderweitig ein Fest machen kann“, sagt Birgit Buchinger vom Bündnis Vorpommern: weltoffen, demokratisch, bunt. Dass auf diese Idee offenbar niemand gekommen, die Stadt nicht auf die Akteure der Präventionstage zugegangen sei, verwundere sie.11 Zu dem Bündnis hatten sich Bürger:innen 2012 aufgrund eines rechtsextremen Festes in Viereck (Vorpommern-Greifswald) zusammengeschlossen.12 Seitdem haben sich zahlreiche Regionalgruppen – zum Beispiel in Wolgast oder Ueckermünde13 – gebildet, in denen sich Menschen aus der Region für Vielfalt und Demokratie engagieren. Ende dieser Woche steht laut Buchinger zudem die Gründung als Verein an.
Hinter der Fassade der Partyband
Hilse ist jedoch nicht die einzige Person, die beim Parkfest irritiert. Nachdem 2023 die Biertrinkaz das Abendkonzert spielten, waren für dieses Jahr zwei Bands angekündigt. Die Rockband Sick Lick aus Hannover hat ihren Auftritt jedoch mittlerweile abgesagt. Während auf der Veranstaltungsseite von einem Rückzug „aus persönlichen Gründen“ die Rede ist,14 äußerten die Musiker:innen gegenüber der OZ, dass ein womöglich rechtsextremer Hintergrund des Festes und eine mögliche Nennung der Band in diesem Kontext Grund für die Absage gewesen sei. Zwar hätten sie die Diskussion um das Fest 2023 gekannt, doch bei der Anfrage an sie sei ihnen „ausdrücklich versichert“ worden, „dass es sich nicht um eine rechte Veranstaltung handelt“.15
Die Ueckermünder Band Different Ways dagegen wird auch weiterhin beim Parkfest auftreten. Auf ihrer Facebook-Seite nennt sie sich selbst eine Party- und Coverband.16 Interessant an der Gruppe ist weniger die von ihr gespielte Musik. Vielmehr sind es die Mitglieder, die aufhorchen lassen. Wie ihren Facebook-Profilen zu entnehmen ist, wechselte die Besetzung in den vergangenen Jahren immer wieder. Zuletzt standen aber etwa sieben Musiker:innen mit der Gruppe in Verbindung. Darunter an der Gitarre André Gehrt.17 Gehrt wollte nicht nur in der Vergangenheit für die NPD in den Kreistag Vorpommern-Greifswald einziehen.18 Er saß auch für eine NPD-nahe Wählergruppe in der Ueckermünder Stadtvertretung.19 Auch seine mutmaßliche Partnerin Gina Z. ist wohl Teil der Band, wie Beiträge in den Sozialen Medien nahelegen.20
Die Bassistin der Band, die unter dem Namen Jimmy auftritt, teilt zudem über ihre Social-Media-Kanäle unter anderem Posts rechtsextremer Musikvertriebsfirmen. Darunter die vom sächsischen Verfassungsschutz als ebensolche eingeordnete Feindkontakt Produktion.21
Das sollen aber nicht die einzigen Kontakte in die rechtsextreme Szene sein. Vielmehr spielt ein Mitglied von Different Ways22 mutmaßlich ebenfalls in der vom Verfassungsschutz MV als rechtsextremistische Musikgruppe eingeordneten Band Stimme der Vergeltung.23
Dass Different Ways vor diesem Hintergrund als „nach hiesigem Kenntnisstand keinem politischen Milieu“ zuzuordnen ist, wie Hilses Anwalt in der OZ zitiert wird, erscheint fragwürdig. Dass Hilse als ehemaliger NPD-Politiker keine Kenntnis von dem anderen ehemaligen NPD-Politiker haben will, ebenso.

Gespräche, Auflagen und Hoffnung
Verantwortlich für die Genehmigung der Veranstaltung in Lassan war das Amt Am Peenestrom. Dort sei das Fest bereits im September 2024 angemeldet worden, wie eine Sprecherin mitteilt. Das Amt habe auch die Polizei über die Veranstaltung informiert, erklärt das zuständige Polizeipräsidium Neubrandenburg. Es habe ein sogenanntes Kooperationsgespräch mit dem Veranstalter unter Beteiligung von Landkreis und Polizei gegeben.24 Bei einem solchen Gespräch gehe es in der Regel um den Ablauf, Sicherheitskonzepte und Kommunikation vor Ort, so eine Sprecherin.25 Ein solches Gespräch bestätigt auch der Landkreis. Bürgermeister Fred Gransow sei ebenfalls anwesend gewesen.26
Darüber hinaus bestätigt das Polizeipräsidium ein Gespräch zwischen Gransow und der Polizeieinheit Mobile Aufklärung Extremismus (MAEX), an dem Beamte des Polizeireviers Wolgast und der Kriminalpolizeiinspektion Anklam teilgenommen haben. Aufgabe der MAEX ist neben der Beobachtung und Kontrolle rechter Strukturen auch die „Aufklärung der Zivilgesellschaft und Präventionsarbeit“.27 Zu Inhalten des Gesprächs äußert sich das Polizeipräsidium nicht, verweist an das Amt Am Peenestrom, welches für das Treffen verantwortlich gewesen sein soll.
Das Amt wiederum bestätigt etwaige Gespräche nicht. Allerdings seien Anfang Juli Auflagen für die Veranstaltung erteilt worden – darunter die „Einrichtung eines Ordnungs- und Sicherheitsdienstes“. Die Nachfrage nach weiteren Auflagen bleibt unbeantwortet.
Wie der Landkreis mitteilt, werden sowohl durch die Ordnungsbehörde des Amtes als auch durch die Polizei Gefährdungsbeurteilungen für die Veranstaltung angefertigt. Die Polizei will sich auf Nachfrage nicht dazu äußern und verweist auf „einsatztaktische Gründe“. Es ist nach Medienberichten jedoch von einem Großaufgebot vor Ort auszugehen.
Ob sich wie 2023 erneut 250 Rechtsextreme in Lassan einfinden, bleibt abzuwarten. Glaubt man Veranstalter Christian Hilse, dann sei „nicht zu erwarten, dass Personen aus extremistischen Kreisen an der Veranstaltung teilnehmen“. Glaubt man Bürgermeister Fred Gransow, dann wird die Veranstaltung „wehtun“. Er hoffe, dass sich „keine entsprechende Klientel“ einfinden werde.
Eigentlich steht nur eins fest: Am Ende sollte niemand überrascht sein.
- Ostsee-Zeitung (Hg.): Lassaner Parkfest wird zur Party von Rechtsextremen: Was Polizei und Bürgermeister dazu sagen, auf: ostsee-zeitung.de (23.9.2023). ↩︎
- Loew, Alexander: Wieder Neonazi-Treffen in Lassan erwartet: Stadt vor Usedom wehrt sich gegen rechtes Image, auf: ostsee-zeitung.de (3.9.2025). ↩︎
- Recherche Nord (Hg.): 04.03.2023: Rechtsrockkonzert „Der Norden Rockt“ in Neumünster aufgelöst, auf: recherche-nord.com / Landtag MV (Hg.): Kleine Anfrage der Abgeordneten Constanze Oehlrich, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Aktivitäten der „Brigade 12 Pommern“ und Antwort der Landesregierung, auf: dokumentation.landtag-mv.de (25.5.2023). ↩︎
- Loew, Alexander: Lassaner Parkfest: Band aus Hannover sagt aus Sorge vor Neonazis ab – Veranstalter wehrt sich, auf: ostsee-zeitung.de (10.9.2025). ↩︎
- Stadt Lassan (Hg.): 2. Lassaner Parkfest, auf: lassan.de. ↩︎
- Loew, Alexander: Zweites Parkfest in Lassan angemeldet: Polizei rüstet sich für erneutes Neonazi-Treffen, auf: ostsee-zeitung.de (3.9.2025). ↩︎
- E-Mail des Amtes Am Peenestrom vom 8.9.2025. ↩︎
- Telefonat mit dem Amt Am Peenestrom am 15.9.2025. ↩︎
- Landkreis Vorpommern-Greifswald (Hg.): Kreispräventionstage starten am Sonntag in Lassan, auf: kreis-vg.de (16.9.2025). ↩︎
- E-Mail des Landkreises Vorpommern-Greifswald vom 15.9.2025. ↩︎
- Telefonat mit Birgit Buchinger am 5.9.2025. ↩︎
- Vorpommern, weltoffen, demokratisch, bunt (Hg.): 1 Jahr Aktionsbündnis Vorpommern: weltoffen – demokratisch – bunt!: Wir machen weiter!, auf: kreis-vg.de (15.7.2013). ↩︎
- Kruse, Eckhard: Bündnis für Demokratie nun auch am Haff gegründet, auf: nordkurier.de (30.4.2024). ↩︎
- parkfest-lassan.de. ↩︎
- Loew, Alexander: Lassaner Parkfest: Band aus Hannover sagt aus Sorge vor Neonazis ab – Veranstalter wehrt sich, auf: ostsee-zeitung.de (10.9.2025). ↩︎
- facebook.com/differentwaysofficial. ↩︎
- @differentwaysofficial: Beitrag vom 29.12.2024, 18:07 Uhr, auf: facebook.com. ↩︎
- Endstation Rechts (Hg.): Dokumentation: Die NPD zur Kommunalwahl in M-V, auf: endstation-rechts.de (26.4.2014). ↩︎
- Freires, Horst: NPD-nahe Tarnorganisationen, auf: endstation-rechts.de (15.4.2014). ↩︎
- @differentwaysofficial: Beitrag vom 23.12.2024, 20:33 Uhr, auf: facebook.com. ↩︎
- @jimmy.so.1656: Beitrag vom 13.6.2025, 19:19 Uhr, auf: facebook.com / Landesamt für Verfassungsschutz (Hg.): Vertrieb rechtsextremistischer Produkte, auf: verfassungsschutz.sachsen.de. ↩︎
- Der Name ist der Redaktion bekannt. ↩︎
- Ministerium für Inneres, Bau und Digitalisierung MV (Hg.): Verfassungsschutzbericht 2020, S. 26, auf: verfassungsschutz-mv.de (Januar 2022). ↩︎
- E-Mail des Polizeipräsidiums Neubrandenburg vom 3.9.2025. ↩︎
- E-Mail des Polizeipräsidiums Neubrandenburg vom 5.9.2025. ↩︎
- E-Mail der Pressestelle des Landkreises Vorpommern-Greifswald vom 3.9.2025. ↩︎
- Wieland, Wolfgang: Polizeimaßnahmen und Strategien gegen Rechtsextremismus in Mecklenburg-Vorpommern, auf: S. 5, auf: monika-lazar.de. ↩︎

