Das Foto zeigt Landrat Tino Schomann auf einem Bürgerdialog in Grevesmühlen (Landkreis Nordwestmecklenburg). Auf dem Foto ist ein Zitat von Schomann zu lesen. Dort heißt es: „Jede Zeit hat ihre Herausforderungen, jede ist stressig. Aber der Landrat ist ein Krisenmanager geworden.“
Unabhängiger Journalismus kostet Zeit und Geld. Eure Unterstützung macht ihn aber möglich!
Kreisverwaltung

Was macht eigentlich ein Landrat, Herr Schomann?

Diesen Monat stehen in MV vier Landratswahlen an. Doch auf was für einen Job bewerben sich die 18 Kandidat:innen eigentlich? KATAPULT MV hat nachgefragt bei einem, der schon einen Landkreis führt: Landrat Tino Schomann aus Nordwestmecklenburg.
Wir brauchen euch, damit unsere Inhalte kosten- und werbefrei bleiben.

KATAPULT MV: Was hat Sie 2021 dazu bewogen, Landrat werden zu wollen?
Tino Schomann: Ich hatte vorher nie daran gedacht. Ich war zu der Zeit ehrenamtlicher Bürgermeister und selbständiger Landwirt mit meinem Vater zusammen. Dann wurde ich gefragt und hatte zehn Tage Zeit, mich zu entscheiden. Für den Fall, dass es klappt, muss alles vorher geregelt werden – im Privaten und im Beruflichen. Deswegen konnte ich da nicht leichtfertig zusagen. Nach der Klärung habe ich mich entschieden, zu kandidieren.

Für das Landratsamt gibt man seinen vorherigen Job vollständig auf?
Auf alle Fälle. Rechtlich ist es auch verboten, anderes nebenher zu machen. Man wird im Prinzip Beamter auf Zeit. Es sind sieben Jahre und man verpflichtet sich schon zu Beginn, noch mal zur Wiederwahl anzutreten. Wenn das nicht klappt, musst du wieder anders Geld verdienen. Da braucht es vorher einen Plan. Bei mir ist das relativ einfach, weil ich zurück auf den Hof gehen kann, den mein Vater in meiner Abwesenheit weiterführt. Insofern ist das eine ganz gute Lage für mich.

Landrat ist also ein Fulltimejob. Haben Sie manchmal noch Freizeit?
Man muss sich Zeitfenster schaffen. Das musste ich lernen. Der eigene Kalender ist fremdbestimmt. Das macht mein Büro. Wir sprechen uns natürlich ab, aber ich kriege Termine reingelegt. Wenn man im Vorfeld schon sagt, dass man an einem Tag nicht kann, weil man zum Beispiel etwas mit den Kindern vorhat oder zum Arzt geht, muss das geblockt werden, damit die Zeit frei bleibt.

Durch die Technik, die wir haben, kann ich überall mobil arbeiten. Aber ich war vorher sehr stark in der freiwilligen Feuerwehr aktiv, war Wehrführer bei uns in der Gemeinde. Das ist natürlich weniger geworden, weil ich das zeitlich einfach nicht schaffe. Die Zeit, die bleibt, nutze ich mit der Familie und gehe zur Jagd. Das ist für mich ein guter Ausgleich – nicht um des Jagens willen, sondern weil man einfach sitzt ohne irgendwas. Nur Ruhe und Natur.

Welche Voraussetzungen sollte man als Landrat bestmöglich mitbringen? Einen Landrats-Crashkurs gibt es ja nicht.
Man müsste auf jeden Fall mit Kommunalpolitik zu tun gehabt und Lust darauf haben, finde ich. Ansonsten stelle ich es mir schwer vor. Ich war vorher lange Bürgermeister. Da habe ich mit der Kommunalverfassung, mit Verwaltung zu tun gehabt und war somit nicht komplett unbeleckt. Natürlich ist eine Kreisverwaltung mit fast 1.000 Mitarbeitern ein anderer Schnack als eine kleine Gemeinde.

Und man darf nicht auf die Uhr schauen. Es ist ein Amt, das einen komplett ausfüllt. Man muss bereit sein, mehr als acht Stunden freiwillig und gerne aufzuwenden. Das muss vorher mit der Familie besprochen sein. Ich habe keine Zeiterfassung, das ist alles in meiner Besoldung als Landrat inklusive.
Und man muss bei den vielen Themen den Überblick behalten. Dafür ist gute Selbstorganisation wichtig und eine gewisse Stressresistenz. Vor allen Dingen muss man sich ein dickes Fell wachsen lassen. Zwar ist der Landrat erst mal Verwaltungschef der Kreisbehörde, aber trotzdem auch direkt gewählt. Es ist also auch ein politisches Amt und Politik ist kein einfaches Geschäft. Es gibt viele Meinungen und die gilt es in der Demokratie auszuhalten.

„Dickes Fell“ ist ein gutes Stichwort. Als Landrat muss man sich auch für Dinge rechtfertigen und mit Unzufriedenheit umgehen, für die man nur am Rande Verantwortung trägt. Das stelle ich mir schwierig vor.
Jeder Job hat Tage, wo man sagt, ach du, ich könnte auch zuhause bleiben. Das ist menschlich und normal. Ich kenne das Amt des Landrates nur im Krisenmodus. Als ich 2021 begonnen habe, war noch Corona thematisch ganz oben. Dann kam der schreckliche Krieg in der Ukraine. Wir haben damals fast 3.000 Ukrainerinnen und Ukrainer aufgenommen. Dann die Energiemangellage. Zwischendurch ist die Unterkunft in Groß Strömkendorf abgebrannt, in der viele Geflüchtete untergebracht waren. Dann kam Upahl. Jetzt geht es darum, dass wir auf kommunaler Ebene – und zwar bundesweit – kein Geld haben. Ich habe mich schon gefragt, wie es eigentlich wäre, wenn ich es vorher anders gekannt hätte.

Jede Zeit hat ihre Herausforderungen, jede ist stressig. Aber der Landrat ist ein Krisenmanager geworden. Insofern kriegt man zum Beispiel beim Thema Migration klar den Frust vor Ort ab, weil die Bürgerinnen und Bürger keinen anderen direkten Ansprechpartner haben. Das transportiert man Richtung Bundesebene weiter, was ich auch getan habe.

Neben den Bürger:innen gibt es die Verwaltung und den Kreistag. Welche Herausforderungen ergeben sich zwischen diesen Gruppen für den Landrat?
Erst mal ist es wichtig, dass man für sich selbst klarstellt, dass man nie allen gerecht werden kann. Wenn man diesen Anspruch hat, kann man so ein Amt nicht ausüben. Ich will damit sagen, dass man seiner Person treu bleiben muss. Klar, ich bin Tino Schomann, bin in der CDU und von der Einstellung her konservativ, das ist kein Geheimnis. Aber trotzdem handele ich neutral und überparteilich, habe in der Vergangenheit auch schon die CDU kritisiert, wenn es mir nötig erschien.

Der Landrat muss außerdem einen Weg vorgeben – erst mal für die Verwaltung –, für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kommunizieren, was er erreichen möchte. Und für Entscheidungen braucht man natürlich den Kreistag. In diesem Spannungsverhältnis fungiert der Landrat sicherlich auch als Vermittler. Auszuloten, was wie funktioniert und was nicht funktioniert. Er ist zudem auf Mehrheiten angewiesen. Die Vorlagen, die wir als Kreisverwaltung in den Kreistag einbringen, wollen wir mehrheitlich beschlossen haben.

Sie versuchen, überparteilich zu agieren. Inwiefern ist es dennoch möglich, eigene politische Akzente zu setzen?
Die Kreisverwaltung oder die kommunale Ebene ist erst mal die Exekutive. Wir setzen geltendes Recht um. In gewissen Dingen haben wir ein Ermessen bei der Ausübung von Verwaltungsvorgängen. Aber es gibt keine Grundsätzlichkeiten, die wir ändern können.

Um so etwas anzustoßen, nutzen wir als Landkreise unsere Interessenvertretung. Hier in MV ist das der Landkreistag, wo wir Forderungen formulieren können. Obwohl wir sechs Landräte hier in MV aus unterschiedlichen Parteien kommen, sind wir uns da häufig einig. Da geht es immer um die Sache. Das finde ich ganz wichtig. Gleichwohl ist es natürlich auf Kreistagsebene politischer. Da müsste die Sache aus meiner Sicht auch wieder mehr im Vordergrund stehen – eine Sachpolitik vor Ort für die Menschen.

Man kann natürlich politische Akzente setzen. Wenn man zum Beispiel an Upahl denkt. Das war damals über Monate in den Schlagzeilen. Das hat viel dazu beigetragen, dass man den Mund aufgemacht hat und dass auch auf Bundesebene was passiert ist. Entscheiden tun es am Ende zwar andere – die Länder oder der Bund –, aber durch gemeinsame starke Positionen in den Verbänden kann Einfluss gelingen. Das Entscheidende ist, dass man eine klare Haltung hat und sich nicht wie ein Fähnchen im Wind hin- und herbewegt und guckt, welche Stimmung draußen am besten passt.

Wie bestimmt sich, welche Aufgaben bei Ihnen als Landrat liegen? Muss ein Landrat überall dabei sein, alles wissen, überall unterschreiben?
Es gibt Gesetzmäßigkeiten, auf welchen Verträgen oder Vorlagen ich unterschreiben muss. Zum Schluss schaut immer das Rechtsamt, ob alles okay ist. Man muss sich blind darauf verlassen können, dass das, was man unterschreibt, auch so rauskann.

Ansonsten haben wir in der Verwaltung fast tausend Mitarbeiter, drei Dezernate – eins davon führe ich selbst. Die anderen zwei unterstehen meinen beiden Stellvertretern. Darüber hinaus gibt es die Fachdienstleitung und darunter die 48 Fachgebietsleitungen, die das Haus in Gänze führen. Da gibt es regelmäßig Abstimmungen und Dienstberatungen, damit man einheitlich agiert. Mitnichten muss ich jeden Vorgang – das geht auch gar nicht – auf dem Tisch haben. Wenn ich etwas vorgelegt bekomme, dann ist entweder schon etwas ins Wasser gefallen oder es geht um grundsätzliche Fragen, wo mein Votum nötig ist.

Das Tagesgeschäft in den einzelnen Bereichen machen ansonsten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Man kann natürlich sagen, was man alles sehen und wo man überall drinstecken möchte. Ich begleite Vorgänge auch mal bis zum Schluss, wenn ich wissen möchte, wie es ausgeht. Aber man kann nicht zu sehr in die Einzelfallbearbeitung gehen. Dafür ist es viel zu viel. Man muss sich darauf verlassen können, man muss das Vertrauen haben, Dinge abzugeben. Das gehört dazu. Wer sehr misstrauisch ist und hinter jeder Ecke eine Finte riecht, der ist hier verkehrt. Da macht man sich wahnsinnig.

Letzte Frage: Gibt es etwas, was Ihnen als Landrat gar keinen Spaß macht?
Ich musste lernen, dass Verwaltung sehr langatmig ist, Prozesse sehr vielseitig gestrickt sind und wo überall noch Leute mitentscheiden. Das gefällt mir nicht so. Ich kenne das aus der Privatwirtschaft anders. Da geht alles viel schneller. Damit habe ich mich noch nicht abgefunden und daran arbeiten wir. Stichwort Bürokratieabbau. Das betrifft die Verwaltung insgesamt, nicht nur bei uns. Da muss noch mehr Geschwindigkeit rein, damit sich die Prozesse zum Wohle der Bürgerinnen und Bürger beschleunigen.

Wer ist Tino Schomann?

Der CDU-Politiker wurde 1987 in Wismar geboren. Von 2014 bis 2021 war der Landwirtschaftsmeister ehrenamtlicher Bürgermeister seiner Gemeinde Blowatz. Er zog 2019 in den Kreistag Nordwestmecklenburg ein, bevor er 2021 Landrat wurde.1

zu sehen sind drei gedruckte Ausgaben von KATAPULT MV

Dieser Artikel erschien bereits in unserer Printausgabe, die ihr im Abo oder im Shop bekommen könnt!

Zu den Landratswahlen in Vorpommern-Greifswald und -Rügen, Ludwigslust-Parchim und dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte am 11. Mai findet ihr mehr auf unserer Themenseite.

  1. Landkreis Nordwestmecklenburg (Hg.): Landrat Tino Schomann, auf: nordwestmecklenburg.de. ↩︎

Autor:in

  • Redakteurin und Betriebsrätin in Greifswald

    Geboren in Berlin, aufgewachsen in Berlin und Brandenburg. Tauschte zum Studieren freiwillig Metropole gegen Metropölchen.

Gute Arbeit?

Jeder Euro hilft, neue Recherchen zu realisieren!

Ein KATAPULT-MV-Abo beinhaltet:

Mit deinem Abo erhältst du KATAPULT MV und unabhängigen Lokaljournalismus am Leben!

KATAPULT-Newsletter