Am Tollensemarsch 2026 in Mecklenburg-Vorpommern nahmen rund 80 Rechtsextreme teil, die sich zu Beginn in Neubrandenburg getroffen haben.
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Rechtsextremer „Tollensemarsch“

80 Rechtsextreme laufen um Tollensesee

Am Samstag, den 28. Februar, fand der diesjährige „Leistungsmarsch“ der rechtsextremen Szene in Neubrandenburg statt. Vor Ort versammelten sich rund 80 Personen, die etwa 35 Kilometer um den Tollensesee liefen. KATAPULT MV gelang es erstmals Fotoaufnahme von den Verpflegungsstützpunkten der Neonazis zu machen.
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Es ist Samstag kurz nach halb acht Uhr morgens. Von Greifswald geht die Route mit dem Auto Richtung Neubrandenburg. Im Gepäck befindet sich neben mehreren Kameras plus Zubehör auch eine Drohne. Nach etwa einer Stunde Fahrt ist das Ziel, die Vier-Tore-Stadt, erreicht.

Altbekannte Gesichter beim Tollensemarsch

Seit 2004 findet der Tollensemarsch statt. Initiiert wurde das Zusammentreffen in der Vergangenheit vom Heimat-Politiker David Petereit. Das ehemalige Landtagsmitglied hatte nachweislich Kontakt zum NSU-Kerntrio1, das unter anderem am Mord von Mehmet Turgut in Rostock verantwortlich ist. Schon 2025 nahm Petereit nicht an der Wanderung teil. In diesem Jahr war er ebenfalls nicht unter den Teilnehmenden.

Wie auch im Vorjahr beginnen die Neonazis gegen 9 Uhr ihre Wanderung. Eine halbe Stunde später sollen die ersten Rechtsextremist:innen in Höhe des Strandbads Broda anzutreffen sein. Rund 80 Personen – darunter mutmaßliche Teenager sowie ältere Erwachsene – marschieren entlang des Sees. Einige tragen Militärkleidung, andere Joggingoutfits.

Neben den etlichen vermummten Gesichtern sind aber auch bekannte Personen der rechtsextremen Szene in MV erkennbar: Darunter unter anderem die III. Weg-Anhänger David Mallow, Kevin Jeske, Roy Porsch und Alexander Wündsch. Während Mallow vor allem im Landkreis Rostock aktiv ist, agieren Jeske, Porsch und Wündsch hauptsächlich in Vorpommern-Greifswald. In ihrer Nähe läuft auch der Burschenschaftler Max Bartusch. Bartusch hat sich in der Vergangenheit für die NPD engagiert2 und vertritt als Rechtsanwalt sowohl AfD-Politiker:innen sowie Hammerskins vor Gericht.3

Ausnahmsweise mal ganz links: David Mallow.
v.l.n.r.: Kevin Jeske und Roy Porsch
Max Bartusch (2.v.l.)

Nachdem alle Extremist:innen am Strandbad vorbeigezogen sind, ist der nächste Halt das Augustabad – dem Start- und Endpunkt des Tollensemarsches. Hier endet die Straße an einem Parkplatz. Dort stehen Autos mit Kennzeichen aus Vorpommern-Greifswald, Nordwestmecklenburg, Neubrandenburg, Pasewalk, Straßburg und Bad Doberan. Aber auch Fahrzeuge aus dem sächsischen Zschopau und dem brandenburgischen Havelland parken in unmittelbarer Nähe eines Transporters aus dem Raum Ueckermünde, der mit rechten Aufklebern dekoriert ist.

Links: mutmaßlich der ehemalige NPD-Landtagsabgeordnete Tino Müller aus Eggesin.

Ob die Fahrzeuge Tollensemarsch-Teilnehmenden zuzuordnen sind, lässt sich nicht sicher beantworten. Allerdings trägt das Fahrzeug aus dem Havelland die Buchstaben „MM“, die mutmaßlich für Michel Müller stehen. Müller galt als Mitglied der rechtsextremen Kameradschaft Hauptvolk, die im Raum Rathenow bis zum Verbot 2005 aktiv war. Rathenow liegt im Landkreis Havelland. Müller wurde im Verlauf des Tages mehrfach als Teilnehmer des Tollensemarsches fotografiert. Auch die NPD-Polikerin Manuela Kokott aus Berlin nahm am rechtsextremen Aufmarsch teil. Auf dem Parkplatz des Augustabades stand ebenfalls ein Auto mit Berliner Kennzeichen.

Michel Müller (ganz rechts) wird seinen Wanderstock später noch gegen unser Auto einsetzen.
In der gelben Jacke: mutmaßlich Manuela Kokott. Ihr Begleiter mit der roten Jacke trägt eine Hose, die der Wehrmacht nachempfunden ist.

Erstmals Drohnenaufnahmen von Verpflegungsstützpunkt der Extremist:innen

Es geht weiter Richtung Süden. Mittlerweile ist es kurz vor 12 Uhr. Zwischen den Dörfern Wustrow und Alt Rehse steht der nächste Stopp an. Zusammen mit der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde und der Ferienanlage Prora auf Rügen ist Alt Rehse bekannt als architektonisches Zeugnis aus der Zeit des Nationalsozialismus.4 Ein Blick auf die Uhr verrät, dass die Rechtsextremist:innen nicht weit von dort entfernt sein können. Hier kommt auch zum ersten Mal die Drohne zum Einsatz, denn in der Nähe soll sich der erste Verpflegungsstützpunkt befinden. Beim ersten Start ließ sich allerdings nichts entdecken, sodass wir weiterfahren. Dann die Überraschung: Nach nicht einmal zwei Kilometern auf einem Waldweg, fahren wir an der gesamten Gruppe und dem Verpflegungsstützpunkt vorbei. Es gelingen uns Fotoaufnahmen der Teilnehmenden aus nächster Nähe, später sogar bislang einzigartige Luftaufnahmen des ersten Verpflegungsstützpunktes.

Mitten im Wald haben die Rechtsextremen einen Lager aufgeschlagen.

Anschließend geht es Richtung Groß Nemerow und dann weiter nach Bornmühle. Dort sei die nächste gute Möglichkeit, die Neonazis vor die Linse zu bekommen. Hier laufen die Teilnehmenden entlang, um schlussendlich nach über 30 Kilometern wieder am Augustabad anzukommen. Jetzt heißt es warten. Nach einiger Zeit joggen die ersten Extremist:innen vorbei.

Mehrere Teilnehmer trugen grüne Schals des III. Wegs.

Rechtsextremist schlägt mit Wanderstock Richtung Auto

Nach einer weiteren halben Stunde warten, heißt es: raus aus dem Wald und Richtung Usadel. Vielleicht haben die Rechtsextremist:innen eine andere Route gewählt. Auf dem Weg aus dem Wald sind vereinzelt Teilnehmende zu sehen.

Michel Müller schlägt mit seinem Wanderstock nach unserem Auto. Als immer mehr Neonazis auftauchen, führt der Weg zurück nach Groß Nemerow. Zwischen Krikow und Usadel entdecken wir einen weiteren Verpflegungsstützpunkt der Rechtsextremist:innen in einem Waldstück. Das „Versorgungsfahrzeug“ hat ein Straßburger Kennzeichen.

Zurück in Groß Nemerow wird ein letztes Mal für den heutigen Tag fotografiert. Die anfänglich zusammenhängende Gruppe hat sich in viele einzelne Grüppchen zerstreut. Mit einer Außentemperatur von bis zu 17 Grad war es der bislang vermutlich wärmste Tollensemarsch.

Auf dem Tollensesee schwammen zum Teil noch Eisschollen.
  1. Ramm, Wiebke: Die Gedächtnislücken des Herrn Petereit, auf: spiegel.de (13.7.20216). ↩︎
  2. KATAPULT MV (Hg.): Greifswalder Neonazi als seriöser Anwalt?, auf: katapult-mv.de (28.4.2022). ↩︎
  3. @recherchenord: Beitrag vom 24.12.2025, auf: instagram.com. ↩︎
  4. Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern (Hg.): Die Dorfanlage Alt Rehse – eine gebaute Idylle aus der Zeit des Nationalsozialismus, auf: kulturwerte-mv.de (Dezember 2012). ↩︎

Autor:innen

  • Chefredakteur

    Geboren in Vorpommern, aufgewachsen in Mecklenburg. Einziger KATAPULT-Redakteur mit Traktorführerschein UND Fischereierlaubnis.

  • Redakteurin in Greifswald

    Irgendwas zwischen Patchworkwendekid und Halbprovinzbohème. Wohnte in 4 von 16 Bundesländern. Hat einen Meisterbrief und einen Papagei.

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