Wie ein Märchenonkel präsentiert sich AfD-Bundestagsmitglied Christoph Grimm aus Nordwestmecklenburg vor Weihnachten auf seinem Facebook-Account. Überall beginne „das Leuchten in den Augen der Kinder“, erzählt er mit weicher Stimme aus einem Ohrensessel heraus. Im Hintergrund liegt eine Weihnachtsmütze. Er wolle, sagt der 68-Jährige in dem Beitrag, „Familien unter die Arme greifen“. Zu diesem Zweck verschenke er Kinderbücher zweier Verlage im Gesamtwert von 800 Euro.1
Ideologie durch die Kinderzimmertür
Mit Wohltätigkeit rund um Weihnachten liegt Grimm im Trend. Zu keiner anderen Zeit im Jahr wird so viel gespendet wie im Dezember.2 Doch der Politiker, der vergangenen Februar per Direktmandat in den Bundestag einzog,3 bewirbt mit der Spendenaktion rechte Verlage.
Die Kinderbücher und Comics, die der Bundestagsabgeordnete verschenkt, wirken harmlos, sind es aber nicht. Zwar seien sie nicht „offen rechts(extrem)“, in ihnen würden jedoch mittels Symbolen und Codes, kindgerechten Erzählungen und Bildern auf subtile Weise „rechtsextreme, nationalistische, völkische Ideologien und Werte“ vermittelt, sagt Stefan Kollasch, Leiter des Regionalzentrums für demokratische Kultur Westmecklenburg. So werde etwa in einem der Bücher, das die Geschichte um den Ritter Gottfried von Bouillon erzählt, nicht nur ein fragwürdiger positiver Bezug zu Kreuzzügen hergestellt. Auch der Ausspruch „Deus vult“ („Gott will es“) findet sich im Buch. Dabei handelt es sich laut Kollasch heutzutage „um einen Leitspruch der religiösen (evangelikalen) extremen Rechten in den USA“.4
Die Publikation stammt aus dem Verlag klein&ehrlich. Doch auch Grimbart Studio, von dem die Comics in Grimms Auswahl stammen, wirft Fragen auf.
Das Netzwerk der Rechtsextremen
Hinter Grimbart steht der bekannte Rechtsextremist und Führungskader der Identitären Bewegung Deutschland, Alexander „Malenki“ Kleine. Der Unternehmer betreibt die Firma Tannwald Media und erlangte in der Vergangenheit durch den neurechten Youtube-Kanal Laut gedacht Bekanntheit. Tannwald war unter anderem für die KI-generierte Werbung der AfD im Bundestagswahlkampf 2025 zuständig.5 Zuletzt sicherte sich Kleine die Wort- und Bildmarkenrechte an Grimbart Studio, dem Internet-Pflanzenversand Weidenvolk und dem neurechten Content-Creator Wilhelm Kachel.6 Aufkleber dieser Marke werden über den Onlineshop Patria Laden verkauft. Er wird von dem Identitären und Ex-NPDler Torsten Görke7 betrieben, wie ein Blick ins Impressum der Website verrät. Hier schließt sich der Kreis zu dem zweiten Verlag klein&ehrlich. Dessen Bücher werden ebenfalls über Görkes Onlineversandhandel vertrieben.8 Dort sind auch Merchandise-Artikel der AfD zu finden.
Geschäftsführerin von klein&ehrlich ist Claudia Maria Schlegl,9 die auch Bücher unter dem Pseudonym „B.A. Robin“ veröffentlicht.10 Ein Foto zeigt die Unternehmerin 2022 unter anderem mit Daniel Fiß im thüringischen Schnellroda, einem Treffpunkt der Neuen Rechten.11 Fiß selbst war ebenfalls Führungskader der Identitären Bewegung und hat eine Neonazi-Vergangenheit. Seit Dezember 2024 arbeitet der selbsternannte Politikanalyst und Grafiker12 als persönlicher Referent für den rechtsextremen AfD-Landtagsabgeordneten Nikolaus Kramer.13 Anfang November letzten Jahres war klein&ehrlich zudem auf der rechtsextremen Buchmesse SeitenWechsel in Halle vertreten.14 Auf der Seite des Verlags wird zudem der Name Till erwähnt. Hierbei handelt es sich um den Identitären Till-Lucas Wessels,15 der Autor einiger Bücher des Verlags ist. Zudem war er in der Vergangenheit nicht nur publizistisch tätig: Wessels soll mit anderen IB-Kadern an der Organisation eines Wehrsportlagers in Brandenburg beteiligt gewesen sein.16 Laut Antifaschistischem Infoblatt sind Wessels und Görke gemeinsam Anteilseigner der Firma Grauzone Media.17 Das Handelsregister weist Görke als Geschäftsführer aus.
Ideologie der Ungleichwertigkeit verbreiten
Eine Bitte um Stellungnahme an Christoph Grimm zu seiner Empfehlung der beiden rechtsextremen Verlage blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet. Stefan Kollasch vom Regionalzentrum hält das Werben für Publikationen der Verlage durch einen Politiker – als Bundestagsabgeordneter und Kreistagsmitglied in gewichtiger Verantwortung – jedoch „insbesondere vor dem Hintergrund der Radikalisierung von Jugendlichen und schon Kindern [für] brandgefährlich“. Im Regionalzentrum erhielten sie mittlerweile Beratungsanfragen für Kinder im Alter von zehn oder elf Jahren, berichtet er. Aber auch allgemein steigen die Zahlen – bundesweit.
Kinderbücher seien wichtige Orte, „um unterschiedliche Perspektiven zu erleben, die Fantasie anzuregen und Empathie zu lernen“, fasst Kollasch zusammen. Statt „Respekt, Vielfalt und die Achtung der Menschenwürde“ zu vermitteln, setzten diese Verlage darauf, „Ungleichwertigkeit in schicker Comicoptik an Kinder zu verbreiten“. Dies sei „klar als Teil der Strategie des Kulturkampfes von rechts zu verorten“.
Grimm bisher unter dem Radar
Dass auch die AfD dabei mitmischt, zeigen verschiedene Mitglieder der Landespartei regelmäßig zum Beispiel auf ihren Social-Media-Kanälen. Neben rechtsextremen „Schwergewichten“ wie Nikolaus Kramer oder Dario Seifert, die immer wieder öffentlich mit Mitgliedern der rechtsextremen Szene in Kontakt oder selbst Teil davon sind,18 wirkte der Jurist Grimm bisher aber eher unauffällig. Dabei setzte er sich als AfD-Kreistagsmitglied bereits Mitte der Zehnerjahre dafür ein, Anträge der rechtsextremen NPD (heute Die Heimat) zu unterstützen.
Grimm war zudem 2018 nicht nur bei einer von Rechtsextremen organisierten Versammlung in Hamburg vor Ort, sondern nahm auch an einem „Trauermarsch“ von AfD und Pegida in Chemnitz teil, bei dem auch gewaltbereite Rechtsextreme zugegen waren. Im Nachgang gab er gegenüber einem NDR-Team an, solche nicht gesehen zu haben.19 Ebenso belegt ein Foto der Initiative Endstation Rechts Grimms Anwesenheit beim sogenannten Flügeltreffen des völkisch-nationalistischen Teils der AfD Ende November 2019 in Binz auf Rügen.20 Daran nahmen laut der Rechercheplattform Exif neben AfD-Politiker:innen aus MV wie Nikolaus Kramer oder der aktuell als Oberbürgermeisterin für Schwerin kandidierenden Petra Federau auch der thüringische Rechtsextremist Björn Höcke, René Jens von der Rockergruppe Bandidos und verschiedene Vertreter:innen der Identitären Bewegung teil.21 Grimm spendete zudem nach eigenen Angaben an den vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften22 Verein Ein Prozent.23
Grimm war über 30 Jahre lang in der SPD, trat jedoch 2013 aus der Partei aus. Er gilt als Mitgründer des AfD-Landesverbands MV24 und saß für die Partei von 2016 bis 2021 im Landtag.25 Derzeit ist er Mitglied der Gemeindevertretung Damshagen und des Kreistags Nordwestmecklenburg.26
Mehr zur Identitären Bewegung in MV:
- Martin Sellner lockt völkische Siedler:innen nach Schwerin
- Identitäre Bewegung verteilt ungestört Flyer an Gymnasium in Ribnitz-Damgarten
- Geheimes Treffen der rechtsextremen Szene bei Rostock
- Von Rostock nach Österreich: Die Verbindungen der Identitären Bewegung
- Rechtsextreme Verflechtungen in Ribnitz-Damgarten
- @Christoph Grimm: Beitrag vom 14.12.2025, 13:15 Uhr, auf: facebook.com. ↩︎
- Thomsen, Beate: Spenden in der Krise, auf: deutschlandfunkkultur.de (18.12.2025). ↩︎
- Biedermann, Lilly; Hinz, Patrick: 13 Kandidierende aus MV ziehen in den deutschen Bundestag, auf: katapult-mv.de (26.2.2025). ↩︎
- E-Mail von Stefan Kollasch vom 7.1.2026. ↩︎
- Ayyadi, Kira: AfD beauftragt Rechtsextremen mit KI-Wahlkampf, auf: belltower.news (18.12.2024). ↩︎
- North Data (Hg.): Tannwald Media UG, auf: northdata.de. ↩︎
- Sachsen-Anhalt Rechtsaußen (Hg.): Torsten Görke, auf: lsa-rechtsaussen.net. ↩︎
- patria-laden.com. ↩︎
- OpenRegister (Hg.): Zahnlückentexte UG (haftungsbeschränkt), auf: openregister.de. ↩︎
- Mein Passau (Hg.): Stilett und Stöckelschuh, oder: Bitte schießen sie nicht auf die Pianistinnen!, S. 28, auf: muw-werben.de (11.2.2015). ↩︎
- Antifaschistische Recherche Chemnitz (Hg.): Abgeschirmt und inszeniert – die Identitäre Bewegung und das Zentrum Chemnitz, auf: chemnitz.noblogs.org (31.10.2025). ↩︎
- feldzug.net. ↩︎
- KATAPULT MV (Hg.): AfD bekennt sich zu ihrem extrem rechten Vorfeld, auf: katapult-mv.de (11.12.2024). ↩︎
- Exif-Recherche (Hg.): Inside „SeitenWechsel“ – Verdeckt auf der extrem rechten Buchmesse, auf: exif-recherche.org (11.12.2025). ↩︎
- antaios.de. ↩︎
- Antifaschistisches Infoblatt (Hg.): „Wehrsportlager“ in Brandenburg und Thüringen, auf: antifainfoblatt.de (6.1.2021). ↩︎
- Antifaschistisches Infoblatt (Hg.): Villa in Schkopau: „Identitärer“ Rückzugsraum, auf: antifainfoblatt.de (12.10.2024). ↩︎
- KATAPULT MV (Hg.): Rechtsextreme und antidemokratische Kandidat:innen, auf: katapult-mv.de (7.6.2024) / KATAPULT MV (Hg.): AfD bekennt sich zu ihrem extrem rechten Vorfeld, auf: katapult-mv.de (11.12.2024) / Gau, Leoni: Die Neue Recht zu Gast bei Nikolaus Kramer, auf: katapult-mv.de (12.3.2025). ↩︎
- Feldmann, Julian; Hilbert, Jörg: Rechter Schulterschluss: Der Grenzgang der AfD, auf: ndr.de (11.9.2018) / Monitor (Hg.): Schulterschluss mit Rechtsextremen: die neue Strategie der AfD, auf: wdr.de (6.9.2018). ↩︎
- Endstation Rechts (Hg.): In eigener Sache: AfD-„Flügel“-Anhänger scheitern vor dem Landgericht Schwerin, auf: endstation-rechts.de (6.3.2021). ↩︎
- Exif-Recherche (Hg.): „Nordkreuz“, Rocker, „Identitäre Bewegung“ & Burschenschaftler vereint beim AfD-Flügeltreffen, auf: exif-recherche.org (26.11.2019). ↩︎
- Bundesamt für Verfassungsschutz (Hg.): Bundesamt für Verfassungsschutz stuft „Institut für Staatspolitik“ (IfS) und „Ein Prozent e.V.“ als gesichert rechtsextremistische Bestrebungen ein, auf: verfassungsschutz.de (26.4.2023). ↩︎
- @Christoph Grimm: Beitrag vom 20.11.2025, 17:27 Uhr, auf: facebook.com. ↩︎
- Thelen, Raphael; Jung, Hannes: Das Herz links, der Blick rechts, auf: zeit.de (31.8.2016). ↩︎
- Landtag MV (Hg.): Christoph Grimm, auf: landtag-mv.de. ↩︎
- Amt Klützer Winkel (Hg.): Gemeindevertretung Damshagen, auf: kluetzer-winkel.sitzung-mv.de / Landkreis Nordwestmecklenburg (Hg.): Fraktion der AfD, auf: ris.nordwestmecklenburg.de. ↩︎


