Vor zehn Jahren traf eine Naturkatastrophe die Kleinstadt Bützow im Landkreis Rostock. Ein Tornado zerstörte die Innenstadt, verletzte 30 Personen und hinterließ einen Schaden von über 40 Millionen Euro.1
Heute, zehn Jahre nach dem verheerenden Sturm, ist die Innenstadt saniert und eine Ausstellung in der Bibliothek erinnert an die Naturkatastrophe. Bürgermeister Christian Grüschow (parteilos) spricht in Bezug auf den Tornado von einer Welle der Hilfsbereitschaft: „Wenn es hart auf hart kommt, dann stehen wir zusammen als Stadtgesellschaft.“ Viele Menschen in Bützow können ihre eigene Geschichte von der Zeit nach dem Tornado erzählen. Fast immer geht es darin um die Gemeinschaft und die bedingungslose Unterstützung. „Auf dem Hof meiner Mutter haben Menschen geholfen, die wir vorher noch nie gesehen haben. Das war unglaublich“, erinnert sich eine Bützowerin.
Gemeinsam anpacken
Angepackt hat auch der Mann, der sich selbst als Shaqiri vorstellt und von allen nur so genannt wird. 2015 kam er aus Albanien nach Bützow. Er war gerade mit seinem Sohn einkaufen, als er die verwüstete Stadt sah. Heute sagt er, dass er sofort wusste, dass er helfen musste. Bis spät in die Nacht unterstützte er die Freiwillige Feuerwehr und wurde kurz darauf Mitglied. Inzwischen musste er aufgrund gesundheitlicher Probleme die Feuerwehr verlassen. Es seien aber „tolle acht Jahre“ gewesen.
Monika Finck vom Verein Gemeinschaft leben in Bützow und Bützow-Land setzt sich für das Zusammenleben zwischen Geflüchteten und Deutschen ein. Sie erzählt, dass Shaqiris Einsatz viel für den Zusammenhalt zwischen den beiden Gruppen getan hat. Da er am besten Deutsch sprach, koordinierte er nach dem Tornado auch den Einsatz anderer frisch nach Bützow gekommener Migrant:innen. „Wichtig ist, dass man die Geflüchteten nicht als Problem, sondern als Potenzial begreift“, so Finck. Für Shaqiri ist Bützow ein Zuhause geworden, hier kenne er jede:n und man hält zusammen. „Ich komme mit allen gut klar“, erzählt er.

Hand in Hand mit Geflüchteten
Die Angebote des Vereins Gemeinschaft leben werden laut Monika Finck gut angenommen. Zu einem afghanischen Abend beispielsweise kamen über 40 Personen. „Ein junger Mann hat erzählt, wie er aus Afghanistan geflohen ist. Das hat natürlich sehr viel Interesse geweckt“, sagt die Rentnerin.
Ihre Motivation nahm sie aus der Erfahrung mit Protesten gegen Geflüchtete 2014. Damals sei noch niemand nach Bützow gekommen und trotzdem hätten die Menschen bereits protestiert. Die NPD mobilisierte rund 130 Personen.2 „Ich konnte nicht gut umgehen mit diesen hasserfüllten Gestalten, die an uns vorbeigelaufen sind“, erzählt Finck. In der Gegendemo zu stehen – das nahm sie zu sehr mit. Sie wollte nicht gegen, sondern für etwas arbeiten. Darum organisiert sie – gemeinsam mit anderen – Wilkommens-Cafés. 2018 folgte die Vereinsgründung. „Man kann nicht nur Integration von einer Seite verlangen, wir müssen auch die Tür aufmachen“, so Finck.
Wie wichtig ihre Arbeit ist, bestätigt Birgitta Kinscher. Sie ist ebenfalls im Verein Gemeinschaft leben aktiv: „Wenn man die Geflüchteten hier fragt, wer ihnen am meisten geholfen hat, dann sagen sie Monika.“ Viele hätten ihre Nummer eingespeichert und würden sich bei allen Fragen an sie wenden. Finck selbst sieht sich als eine Vermittlerin.
Vorreiterin bei der Bürger:innenbeteiligung
Mitbestimmen in der eigenen Stadt, auch das schaffe man in Bützow. Seit 2019 gibt es einen Bürgerhaushalt. Über die Verwendung einer bestimmten Summe Geld können die Bürger:innen direkt abstimmen. So konnten im letzten Jahr beispielsweise die Musikanlage in der Sporthalle erneuert und zwei Tretboote angeschafft werden.3 Bützow war die erste Stadt in MV, die diese Art der Mitbestimmung einführte.
Stadtpräsidentin Gudrun Radziwolek (Bützower Wählergemeinschaft) betont auch die gute Arbeit von Jugend- und Seniorenbeirat. Beide Gremien wollen in Zukunft zusammenarbeiten. Das Ehrenamt spiele eine wichtige Rolle in der Kleinstadt. Das bestätigt die Pressesprecherin der Gemeinde. Es gebe „mehr als 80 Vereine in der Stadt und im Amtsgebiet.“4
Der Ostfriese mit dem Kamel
Hört man diese Geschichten aus Bützow, vom Zusammenhalt nach dem Tornado und den vielen Engagierten, überrascht der Bahnhof umso mehr: Zwei AfD-Fahnen wehen auf dem Gebäude. Gehisst hat sie weder die Stadt noch die Deutsche Bahn, denn der Bahnhof ist in Privatbesitz von Poppe Gerken. 1991 kam der Ostfriese nach Bützow, um den Viehbetrieb LPG Vorwärts zu übernehmen. 5Den Viehbetrieb hat er inzwischen verkauft. Als „Hansdampf in allen Gassen“ beschreibt ihn Stadtpräsidentin Radziwolek. Er sei schon immer sehr präsent in der Stadt gewesen und habe Aufmerksamkeit auf sich gezogen, erzählen auch andere Vertreter:innen der Wählergemeinschaft. Zum Karneval beispielsweise habe Gerken einmal Kamele durch die Stadt getrieben. Jedes Jahr zu Weihnachten schmücke er außerdem den Bahnhof. Der Landwirt ist inzwischen über die Stadtgrenzen von Bützow hinweg bekannt. Für die AfD sprach er bei Kundgebungen6 und wurde von Medien, wie dem AfD-nahen Deutschland-Kurier7, aber auch dem Spiegel und der Ostsee-Zeitung8 interviewt. Ein Interview mit KATAPULT MV lehnte er telefonisch ab.
Wie politisch aktiv Gerken vor dem Hissen der Flaggen war, lässt sich schwer sagen. Auf seinem Facebook-Profil findet sich als einer der wenigen politischen Beiträge ein Aufruf zu einer Demonstration aus dem Jahr 2018. Titel der Kundgebung: „Islamisierung stoppen – Für eine sichere Heimat!“.9 Laut Recherchen der Plattform Exif nahmen daran Mitglieder der AfD, aber auch anderer rechtsextremer Gruppen wie der Identitären Bewegung teil.10 In einem Interview mit dem Deutschland-Kurier erzählte er, dass die örtliche AfD schon seit mehreren Jahren den Bahnhof für Veranstaltungen nutze. Martin Schmidt, der für die AfD im Landtag sitzt, sei letztlich auf ihn zugekommen und hätte gefragt, ob er die Fahnen auf dem Dach hissen könne. Gerken hätte nicht lange gezögert und gesagt: „Da habe ich nichts dagegen. Ich stehe dazu und dann kann ich das auch öffentlich kundtun.“
Der AfD-Politiker im Hintergrund
Nach außen präsentiert sich Martin Schmidt lediglich als Gast in Bützow. Seine Büros befinden sich in Schwerin und im rund 80 Kilometer entfernten Hagenow. Auf seinen Bezug zur Stadt angesprochen, antwortete er: „Ich war dort auf zwei Veranstaltungen als Redner. Ich trete im gesamten Bundesland auf und halte Vorträge und Berichterstattung über die aktuelle Wirtschafts- und Finanzpolitik, wenn ich eingeladen werde.“11 Bei genauerer Betrachtung wird aber deutlich, dass er maßgeblich an der Vereinnahmung des Bahnhofs durch die AfD mitwirkte. So war es Schmidt, der auf dem Dach neben den Fahnen ein Video aufnahm. Darin sagte er, Bützow sei „erobert“.12
In einem NDR-Interview begründete der Politiker seine Wortwahl damit, dass die AfD bei der Bundestagswahl über 45 Prozent der Zweitstimmen in Bützow geholt hatte. Dementsprechend könne er von einer metaphorischen Eroberung sprechen. Doch die Stadt ist trotz des Wahlergebnisses keine AfD-Hochburg. Bei der Kommunalwahl im letzten Jahr verlor die Partei klar gegen die Bützower Wählergemeinschaft. Letztere besetzt sieben Sitze in der Stadtvertretung.13 Der AfD hätten laut Wahlergebnis zwar vier zugestanden, sie konnte aus Personalmangel jedoch nur zwei davon besetzen. Zur Kommunalwahl 2019 trat die Partei nicht einmal an. Ein Parteibüro der extrem rechten Partei gibt es in der Stadt auch nicht. Die geringe politische Präsenz bestätigen auch die Mitglieder der Wählergemeinschaft.
Die Kommunalwahl in Bützow hätten sie nicht mit großen bundespolitischen Themen gewonnen, sondern mit Verbesserungen im Alltag der Menschen. Barrierefreies Wohnen sei beispielsweise wegen der vielen Senior:innen ein wichtiges Thema. Eine konkrete Verbesserung, die die Wählergemeinschaft erwirkt hat, ist die Versetzung einer Ampel. Gegenüber des historischen Eispavillions in der Innenstadt befindet sich ein Parkplatz, dazwischen regelt eine Ampel das sichere Überqueren der Straße für Fußgänger:innen. Früher stand diese hundert Meter entfernt. Es sind Veränderungen wie diese, die bedeutend für die Menschen sind, erklärt Mario Göldenitz von der Wählergemeinschaft. Der Fokus darauf mache ihre Politik authentisch.
Bützow demonstriert
Entsprechend gab es gegen Schmidts Aussage und die Fahnen am Bahnhof Widerstand. Im Juni versammelten sich 150 Menschen vor dem Bahnhof zu einer Mahnwache des Bündnisses Buntes Land. 14Dabei sprachen sich nicht nur Bützower Bürger:innen, sondern auch der Landtagsabgeordnete des entsprechenden Wahlkreises Philipp da Cunha (SPD) dafür aus, den Ort nicht politisch vereinnahmen zu lassen. Auch Christian Grüschow, parteiloser Bürgermeister der Stadt, äußerte sich anlässlich der Kundgebung: „Bützow steht für ganz ganz viel, aber sicher nicht für die Werte der AfD.“15
Doch die Mahnwache stieß nicht nur auf Unterstützung. Rund 50 Personen aus der rechten Szene trafen sich parallel auf dem Vorplatz des Bahnhofs. Einige von ihnen präsentierten ihre Sympathie für die AfD mit entsprechenden Plakaten und T-Shirts. Teilnehmende am Treffen wurden außerdem handgreiflich gegen einen Journalisten.
Das Sommerfest der Rechtsextremen
Besonders deutlich wurden die Versuche der Vereinnahmung durch die Partei dann zwei Monate später. Ende August veranstaltete die AfD ein Sommerfest im „Bützower AfD-Bahnhof“. Geworben hatte dafür hauptsächlich ein Politiker: Martin Schmidt.16 In einem späteren Video zur Veranstaltung nennt er das Gebäude erneut „AfD-Bahnhof“.17 Das Bündnis Buntes Land beschreibt das Fest später in einem Beitrag auf Instagram: „Neben der klassischen AfD-Klientel waren auch Querdenker:innen, Reichsbürger:innen, Neonazis und rechte Kameradschaften vertreten – ohne jede Distanzierung.“ Laut dem Bündnis versuche die AfD, Bützow „zu einer Hochburg und einem Knotenpunkt der rechten Szene“ zu machen.18 Dabei kamen viele Besucher:innen des Sommerfestes gar nicht aus Bützow. „Die Rechten haben sie aus allen Ecken des Landes zusammengeholt“, erzählt eine Vertreterin des Bündnisses.
Die AfD versucht also, ein repräsentatives Gebäude eng mit der Partei zu verbinden, sowohl in der Wortwahl, als auch durch Veranstaltungen und die Beflaggung. Kaufen möchten sie das Gebäude laut Martin Schmidt allerdings nicht.
Willkommensgruß am Bahnhof
Bützow sei keine rechte Stadt, das versichern viele der engagierten Bürger:innen. Damit das für Reisende auch deutlich wird, hängt nun ein entsprechendes Banner am Bahnhof. Die Idee dafür kam von Vertreter:innen des Bündnisses Buntes Land. Für Johannes Kretschmann vom Bündnis ist so eine Positionierung wichtig: „Menschen, die sozusagen die Entscheider:innen in Bützow sind, sollten klar zeigen, wen sie unterstützen wollen.“ Auch die Deutsche Bahn hat inzwischen ein Schild als Symbol für Vielfalt und Toleranz am Bahnhof angebracht.
Die Vertreter:innen der Bützower Wählergemeinschaft wollen ihre Stadt nicht auf die Fahnen reduzieren. „Für Außenstehende und Reisende wird Bützow aber darauf reduziert“, bedauert Lokalpolitiker Mario Göldenitz. Stadtpräsidentin Gudrun Radziwolek erzählt, dass aus der Stadtverwaltung die Idee kam, zu prüfen, ob die Fahnen in Bezug auf den Denkmalschutz zulässig seien: „Aber leider war da keine Handhabe.“
Rechtsruck auch in Bützow
Ob es in Bützow mehr Rechtsextremismus gäbe als in anderen Orten? „Das ist nicht nur in Bützow so, sondern ein allgemeines Phänomen“, so Monika Finck. Im Verein aktive Migrant:innen berichten ihr von Rassismus, den sie in der Stadt erleben. Für Johannes Kretschmann sind die Sticker in der Innenstadt ein Zeichen für gestiegenen Rechtsextremismus: „Meiner Wahrnehmung nach hat das zugenommen.“ Mario Göldenitz nimmt das Problem besonders in Schulen wahr: „Man sieht in ganz Deutschland, dass Rechtsextremismus wieder eine Jugendkultur ist. Das ist erschreckend.“
Und dann gibt es da noch die Bützower Jungs. Sowohl beim AfD-Sommerfest als auch bei der Kundgebung im Juni waren Personen mit diesem Schriftzug in Fraktur auf ihrer Kleidung anwesend. Laut einem Medienbericht aus dem Jahr 2014 handelt es sich dabei um eine rechtsextreme Kameradschaft. 19Fragt man in Bützow nach, hört man weniger klare Zuordnungen. Sicher sind sich alle, dass die Bezeichnung ein Überbleibsel aus den 90er-Jahren sei. Einige meinen, es handelt sich eher um eine Art Slogan, um eine Zugehörigkeit zu zeigen.

Was ist also los in Bützow?
Der Fall des Bahnhofs zeigt, wie die AfD die Vereinnahmung öffentlicher Räume inszeniert. Sie lässt den Eindruck entstehen, dass die Begeisterung für die Partei von den Menschen vor Ort käme, obwohl die Initiative tatsächlich von einem ortsfremden Politiker ausging. Damit werden Personen erreicht, die schon vorher offen für rechte Positionen waren und sich nun leichter mobilisieren lassen: Das Bild einer rechten Hochburg verfängt. Doch den Ort allein darauf zu beschränken, verkennt das Engagement gegen die Vereinnahmung und für ein demokratisches Miteinander. Der Zusammenhalt, der nach dem Tornado entstanden ist, wirkt bis heute nach – doch er wird immer wieder vor Herausforderungen gestellt.

- Pilgrim, David: Mai 2015: Verheerender Tornado verwüstet Bützow, auf: ndr.de (5.5.2025). ↩︎
- Endstation Rechts (Hg.): „Bürgerdemo“ in Bützow: Ohne NPD geht nichts, auf: endstation-rechts.de (19.7.2014). ↩︎
- Amt Bützow (Hg.): Der Bützower Bürgerhaushalt, auf: buetzow.de. ↩︎
- E-Mail von Katja Voß, Referentin für Projekte und Öffentlichkeitsarbeit vom 10.10.2025. ↩︎
- Dreher, Valentin: Großer Bahnhof für die AfD, auf: spiegel.de (23.7.2015). ↩︎
- Hinz, Patrick und Biedermann, Lilly: Rechte Kundgebung in Ribnitz-Damgarten trifft auf Protest für Demokratie, auf: katapult-mv.de (7.10.2025). ↩︎
- Deutschland-Kurier (Hg.): EXKLUSIV-Interview: Mut-Unternehmer lässt AfD-Fahnen auf Bahnhof wehen!, auf: deutschlandkurier.de (22.8.2025). ↩︎
- Kalski, Alexander: Angebot sorgt für Aufruhr in Bützow: Kauft die AfD den Bahnhof?, auf: ostsee-zeitung.de (13.7.2025). ↩︎
- @Poppe Gerken: Beitrag vom 6.3.2018, auf: facebook.com. ↩︎
- Exif Recherche & Analyse (Hg.): AfD und IB in Mecklenburg-Vorpommern vereint, auf: exif-recherche.org (14.3.2018). ↩︎
- E-Mail von Martin Schmidt vom 14.10.2025. ↩︎
- NDR (Hg.): Flaggen auf Bützower Bahnhof sorgen für Wirbel, auf: ndr.de (19.6.2025). ↩︎
- Gemeindewahlleiter Frank Endjer: Bekanntmachung des Gemeindewahlleiters über das Wahlergebnis der Stadtvertretungswahl in der Stadt Bützow am 09.06.2024, auf: buetzow.de (17.6.2024). ↩︎
- Biedermann, Lilly und Hinz, Patrick: 150 Menschen gegen AfD-Flaggen in Bützow, auf: katapult-mv.de (21.7.2025). ↩︎
- @buezonders: Beitrag vom 25.6.2025, auf: instagram.com. ↩︎
- @Martin Schmidt – AfD MdL: Beitrag vom 10.8.2025, auf: facebook.com. ↩︎
- @Martin Schmidt – AfD MdL: Beitrag vom 30.8.2025, auf: facebook.com. ↩︎
- @buendnis_buntes_land: Beitrag vom 2.9.2025, auf: instagram.com. ↩︎
- Röpke, Andrea: Hitlergruß und Hetze, auf: endstation-rechts.de (5.5.20214). ↩︎

